«Es ist mir bewusst, dass das Thema für die breite Öffentlichkeit momentan nicht von grosser Bedeutung ist», beginnt Hermann Engler seine Ansprache. Die neun anwesenden Männer schauen sich im Saal im Restaurant Rathausgarten um, der Platz für 40 bietet, und lächeln verlegen. Einige nehmen einen Schluck Bier, Rivella oder sauren Most und blicken zum Redner zurück, der sogleich weiterfährt: «Ich hoffe, dass es trotzdem zu spannenden Diskussionen kommt.»

Engler ist eines der rund 100 Aargauer Mitglieder der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (NEBS) und seit 52 Jahren in der SP Oberentfelden. «Die NEBS befürwortet den bilateralen Weg. Wir sind aber der Meinung, dass die Schweiz ihre Interessen nur als Mitglied der EU vertreten kann», erklärt er. 1992 hat er sich für das EWR-Abkommen eingesetzt, damals war er Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit. Engler hat am Donnerstag den ersten «Europa-Stammtisch» im Aargau organisiert. Thema: Die zweite Kohäsionsmilliarde.

Kontroverse innerhalb der SP

Da die erwartete Botschaft des Bundesrats zum zweiten Schweizer Beitrag an ausgewählte EU-Staaten bisher ausblieb, ist das Thema momentan tatsächlich nicht brandaktuell. Es wird daher in der Öffentlichkeit nicht so stark diskutiert, wie sich Engler dies erhofft hatte. Der EU-Beitritt hingegen – das Hauptthema der NEBS – gibt derzeit viel zu reden: Erst kürzlich sprach sich der deutsche Links-Politiker Gregor Gysi am Fest der Solidarität in Tennwil gegen einen EU-Beitritt der Schweiz aus.

Auch die SP-Nationalräte Mattea Meyer und Cédric Wermuth, beide EU-Befürworter, befassten sich kürzlich mit dem Thema und kritisierten die Europäische Union stark. Europa werde systematisch schlechtgeredet, schrieb hingegen SP-Fraktionschef Roger Nordmann in einem Grundsatztext zur EU.

Erster öffentlicher Auftritt

Dementsprechend dreht sich auch die Debatte am Europa-Stammtisch im Verlauf des Abends immer stärker um den EU-Beitritt und weniger um das eigentliche Thema der Veranstaltung. Zu diesem hat Fabian Mahnig, Sektionschef Wirtschaft und Finanzfragen der Direktion für europäische Angelegenheiten des Aussendepartements, ein Referat vorbereitet. Trotz, oder vielleicht wegen der geringen Teilnehmerzahl führt der Vortrag zu hitzigen Debatten. Mehr als zwei Stunden lang reden die neun Männer über Europapolitik, Beitragsgelder und den EU-Beitritt. «Es sind zwar nicht so viele Leute hier, wie ich erwartet habe», gibt Engler zu. «Aber die Diskussion ist gelungen», fügt er zufrieden an.

Überraschend kommt die geringe Teilnehmerzahl jedoch nicht. Wie die Organisation in ihrer Einladung zum Stammtisch selber schrieb: Von der NEBS hat man im Aargau bisher nur wenig gehört. «Es ist das erste Mal, dass wir an die Öffentlichkeit treten», so Engler. Eine Sektion hat der Kanton nicht, lediglich eine Gruppierung. Dies soll sich ändern. Doch das Präsidium könne er im Alter von 76 Jahren nicht mehr übernehmen, sagt Engler.

Deshalb will er neue, junge Leute ansprechen. «Wir brauchen Mitglieder, die offen zu ihrer Meinung stehen und sich aktiv für die Organisation einsetzen.» Denn dies sei eines der Hauptprobleme. Viele Mitglieder wollen anonym bleiben. Es brauche Leute, die bereit seien, sich zu exponieren. «Das war in den 90er-Jahren halt noch einfacher», so Engler. «Heute haben viele Leute Angst davor, offen für einen Beitritt zu sein. Besonders Politiker.»

Bald wieder ein Stammtisch?

Diskussionsveranstaltungen wie diejenige vom Donnerstag will Hermann Engler künftig regelmässig organisieren. «Nicht, um Werbung für den EU-Beitritt zu machen», betont er. Dass dieser nicht von heute auf morgen kommen könne, wisse er. «Wir wollen Themen rund um die EU besprechen. Dinge, die in der breiten Öffentlichkeit nicht zur Sprache kommen.»

Dass das Bedürfnis für Gespräche vorhanden sei, habe ihm die erste Diskussion gezeigt, sagt Organisator Engler. Für zukünftige Veranstaltungen hofft er auf weitere, spannende Debatten – und auf mehr Besucher.