Nicht nur Kinder tun es gerne, auch Erwachsene: Sie betrachten einen Menschen durchs Schaufenster und staunen. Staunen zum Beispiel über die kerzengerade, untadelige Haltung einer Frau, die im Delikatessengeschäft «Buono» auf einem hohen Hocker sitzt – vor sich den Kaffee und die Zeitung. 

Ist das besonders? Ja. Handelt es sich um Cécile Laubacher, dann schon. Denn sie ist nicht irgendwer, sondern eben Cécile Laubacher: Kunstpädagogin und . . .

Schon kommen wir ins Stocken, weil diese Frau nicht erklärbar ist. Das versucht die Brugger Redaktion zwar regelmässig, allein: Es ist vergebliche Liebesmüh.

Dabei sieht die Redaktion diese Frau (fast) täglich. «Hier kommt Cécile Laubacher» ist – ob morgens oder nachmittags – längst zum geflügelten Wort im Büro geworden. 

Dann verkehren wir das eingangs Beschriebene ins Gegenteil. Wir schauen von innen nach draussen. Natürlich gaffen wir nicht, doch wir gucken zu und – vor allem – genau hin. 

Hin zu Cécile Laubacher, die mit ihrem Stock – «meinem lieben Begleiter», wie sie sagt – die Altstadt langsam abschreitet. Wir freuen uns über eine Erscheinung, deren erlesene Eleganz uns beeindruckt und die wir bewundern. «Toll», sagen wir zueinander und merken sofort, dass dieses Wort im Zusammenhang mit Cécile Laubacher und ihrem hoch entwickelten Sinn für Kunst und Ästhetik indezent ist.

Haltung bewahren

«So möchten wir auch einmal werden», sagen wir dann und halten inne, um darüber nachzudenken, was es mit diesem «so» auf sich hat. 

Wir meinen einerseits Ausstrahlung und Präsenz. Wir meinen andererseits aber auch Achtsamkeit: Und das nicht nur den Künsten gegenüber, für die Cécile Laubacher brennt und die sie seit Jahrzehnten mit kritischer Anteilnahme begleitet, sondern sich selbst gegenüber. Das heisst: Haltung bewahren.

Wieso kommt uns ausgerechnet jetzt das Lebensmotto einer von August Strindbergs Figuren in den Sinn: «Durchstreichen und weitergehen». Das Durchstreichen lassen wir weg, aber das Weitergehen – das soll bleiben.

In Cécile Laubachers Worten hörte sich das vor einigen Tagen so an: «Ich blicke nicht zurück – ich schaue nur noch vorwärts.»

Insbesondere auf die kleinen Dinge. «Sehen Sie?», sagte Cécile Laubacher zu ihrem Gegenüber und lächelte, «dieses kleine Insekt hier. Was macht es bloss? Sehen Sie genau hin. Verstehen Sie, dass mich das vor allem interessiert?» Das Gegenüber schwieg, weil es diesen Moment nicht zerreden wollte.

Heute feiert Cécile Laubacher ihren 90. Geburtstag.