Es hätte nicht so weit müssen, sagte Nesrin (Name geändert). Die gebürtige Türkin musste sich vor Bezirksgericht Brugg verantworten. Zur Last gelegt wurden ihr Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Die unauffällige, 43-jährige Frau, die in der Region wohnt, hatte ihre schwarzen Haare zusammengebunden, trug schwarze Turnschuhe, schwarze Hosen sowie einen grauen Pullover. Die schwarze Handtasche stellte sie neben sich ab.

An einem Vormittag im Oktober des letzten Jahres bestieg sie in Windisch das Postauto Richtung Brugg und geriet in eine Ticketkontrolle. Nesrin händigte zwar ihren Swisspass aus, ein Halbtaxabonnement, verfügte aber über kein gültiges Ticket. An der Haltestelle Bahnhof-Campus stiegen die beiden Kontrolleurinnen mit ihr aus. Nesrin wollte sich aus dem Staub machen, lief schreiend durch die Unterführung davon, die beiden Kontrolleurinnen hinterher. Am Ende der Unterführung drehte sich Nesrin laut Anklageschrift um, packte die eine Kontrolleurin an der Schulter, stiess sie von sich weg und drohte ihr Schläge an.

Die zweite Kontrolleurin, die den Streit aus einigen Metern Entfernung mit allen Einzelheiten mitbekam, sagte als Zeugin aus vor Gericht. Sie erschien in ihrer Arbeitsuniform in grauen Hosen und grau-gelbem, beschriftetem Polo-Shirt. Aufmerksam und freundlich beantwortete sie die Fragen von Gerichtspräsident Sandro Rossi, erzählte, wie ihre Kollegin die Beschuldigte kontrollierte, es dann laut und unruhig geworden sei. Weil sie durch die hitzige Reaktion befürchtete, dass die Situation eskaliert, verständigte die Zeugin noch im fahrenden Bus per Telefon die Polizei.

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Ihre Kollegin war aufgewühlt

Tatsächlich habe sich Nesrin nach dem Aussteigen im Bahnhof vom Bus entfernt. Sie sei ihr deshalb, schilderte die Zeugin, zusammen mit ihrer Kollegin in einem gewissen Abstand in der Unterführung gefolgt. Nesrin habe immer wieder angehalten, habe geflucht, habe sie beschimpft, habe ihre Kollegin angerempelt und ihr gedroht. Der genaue Wortlaut wisse sie nicht mehr, weil der Vorfall schon eine Weile her sei, aber an den Körperkontakt könne sie sich gut erinnern, sagte die Zeugin. Es sei ein Wegstossen gewesen. «Jetzt knallts!», habe sie gedacht.

Nesrin sei ihrer Kollegin zu nahe gekommen. Als Kontrolleurin, erklärte die Zeugin, versuche man, solche Situationen zu vermeiden. Es sei unschön gewesen. Ihrer Kollegin sei das erste Mal etwas in dieser Art widerfahren, sie sei danach aufgewühlt gewesen. Aber auch für die anderen Fahrgäste sei es unangenehm gewesen. «Es war eine Unsicherheit da.»
Kein gültiges Ticket zu haben sei kein Grund, einer Kontrolleurin gegenüber aggressiv zu werden, betonte die Zeugin. Denn jeder werde gleich behandelt. «Wir versuchen stets, freundlich und kompetent zu sein.»

Kein Zweifel an Zeugenaussagen

Nesrin gab sich wortkarger als die Zeugin. Sie lebt seit über 30 Jahren in der Schweiz, zurzeit alleine, hat drei Kinder, ist geschieden, «schon lange». Sie bezieht eine IV-Rente und hat einen Beistand. Psychisch gehe es ihr nicht besonders gut, auch habe sie Diabetes, antwortete sie auf die Frage nach ihrem Befinden.

Ihrer Version zufolge stieg sie in den Bus ein und wollte zum Chauffeur gehen, um ein Ticket zu kaufen. Dass ihr Halbtaxabonnement ungültig sei, bezeichnete sie als nicht wahr. Sowieso, stellte Nesrin fest, fahre sie wegen der paar Franken, die das Ticket koste, nicht schwarz.
An der Haltestelle Bahnhof-Campus habe sie den Bus verlassen wollen, doch die Kontrolleurin habe sich vor sie gestellt und sie nicht durchgelassen. Und weil ihr die Kontrolleurin gefolgt sei und viel zu nahe kam, habe sie die Frau weggeschubst, so Nesrin. Bedroht oder an der Schulter gepackt habe sie die Kontrolleurin «sicher nicht», versicherte die Beschuldigte. Aber «Verpiss Dich!» habe sie gesagt, räumte sie ein.

Sie sei sonst nicht so, das sei ihr rausgerutscht, fuhr Nesrin fort. Aber sie sei hässig gewesen, die Kontrolleurin habe sie so weit gebracht. Diese hätte ihr nicht nachlaufen müssen, sagte die Beschuldigte. Denn sie habe ihre Adresse bereits gehabt, hätte ihr eine Busse schicken können. Sie sei kein schlechter Mensch, vor ihr müsse man keine Angst haben, hielt Nesrin weiter fest. Beide Seiten hätten Fehler gemacht. Wenn schon, seien beide schuldig, «nicht nur ich».

Vom Vorwurf der Gewalt und Drohung wurde Nesrin zwar freigesprochen. Dass der der Tatbestand der Drohung und Tätlichkeit aber erfüllt ist, war für das Gericht unbestritten. Die Aussagen der beiden Kontrolleurinnen seien stimmig und widerspruchsfrei, sagte Gerichtspräsident Rossi, Zweifel bestanden für ihn nicht. Nesrin wurde verurteilt zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 40 Franken sowie einer Busse von insgesamt 600 Franken.