«Nationalparks könnte ich mir nicht nur in den Alpen, sondern auch im Jura oder selbst im Mittelland vorstellen.» Das sagte Heinrich Haller, Direktor des Schweizer Nationalparks, im Montagsinterview in der AZ. Haller, der in Muri geboren und aufgewachsen ist, sieht in seinem Heimatkanton gute Voraussetzungen. «Den Aargau etwa darf man bezüglich der Fluss- und Auenlandschaften nicht unterschätzen. Da hat er grosse Qualitäten», erklärte Haller.

Könnte aus dem bestehenden Auenschutzpark im Aargau, der knapp ein Prozent der Kantonsfläche einnimmt, tatsächlich ein Nationalpark werden? Es sei nicht seine Aufgabe, konkrete Standortvorschläge zu machen, die Initiative dafür müsse aus der Bevölkerung kommen, relativierte Haller im Interview. Entscheidend für mögliche Nationalparks seien die Menschen. «Die Bedenken, die man im Zusammenhang mit Naturschutz hat, dürfen die Chancen, die man darin erkennt, nicht übersteigen.» Und die Chancen – zum Beispiel das touristische Potenzial – seien erheblich.

Pro Natura ist skeptisch

Wie kommt die Idee von Heinrich Haller bei den Naturschützern in seinem Heimatkanton an? Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, äussert sich auf Anfrage der AZ eher skeptisch. «Der Auenschutzpark Aargau erfüllt die Voraussetzungen für einen Nationalpark in verschiedener Hinsicht nicht.» Jenny nennt zwei konkrete Aspekte, die eine solche Idee als unrealistisch erscheinen lassen.

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Einerseits wäre ein Nationalpark im dicht besiedelten Aargau kaum möglich, zumal heute auch in den geschützten Auengebieten diverse Nutzer aktiv seien. «Es gibt Interessen von Fischerei, Jagd, Bauern und Forstwirtschaft, diese Nutzungen lassen sich nicht vollständig aus dem Auenschutzpark entfernen.» Aus seine Sicht wäre ein weiterer Nationalpark – neben dem bereits bestehenden in Graubünden – nur in sehr dünn besiedelten Gebieten realistisch. «Der heutige Auenschutzpark Aargau ist in der Bevölkerung sehr beliebt, gerade für die Naherholung.» Würde man daraus einen streng geschützten Nationalpark machen, könnte die Akzeptanz im Kanton sinken, befürchtet Jenny.

«Die Auen sind grossartige Erholungsgebiete für die Bevölkerung», hielt Matthias Betsche, Präsident von Pro Natura Aargau, kürzlich in einer Mitteilung fest. Die renaturierten Landschaften zögen mittlerweile so viele Erholungssuchende an, dass der Besucherdruck zum Problem werde. «Wir wollen die Menschen aber nicht aussperren», liess sich Betsche zitieren. Die beste Lösung für diesen Konflikt seien mehr und grössere Auengebiete.

Kein zusammenhängender Park

Vor mittlerweile 25 Jahren sagte die Aargauer Stimmbevölkerung deutlich Ja zur Auenschutz-Initiative. Seither ist in der Kantonsverfassung die Verpflichtung festgeschrieben, Flusslandschaften zu renaturieren. «Ein wegweisender Entscheid, der unseren nachkommenden Generationen zu Gute kommen wird», hob Matthias Betsche hervor. 2017 nahm der Auenschutzpark rund 0,95 Prozent der Kantonsfläche ein, die Verfassung verlangt 1 Prozent, Pro Natura fordert gar 1,4 Prozent.

Auch mit der Maximalfläche wäre der Auenschutzpark als Nationalpark nicht geeignet. «Es gäbe kein zusammenhängendes Areal, sondern einen Flickenteppich von verstreuten Schutzgebieten», sagt Johannes Jenny. Dennoch hält Betsche fest: «Wir müssen das gesamte Potenzial für die Wiederherstellung von Auen ausschöpfen.» Der Auenschutz sei im Vergleich mit anderen Massnahmen sehr effizient. «Er hat bisher jährlich im Schnitt 2,4 Millionen Franken gekostet.» Und das Geld sei gut investiert, in den renaturierten Gebieten sei die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren enorm hoch.