Wer an Kombis denkt, denkt unweigerlich an Volvo . Die schwedische Marke gilt als Inbegriff des «Kombinationskraftwagens», der per Definition vor allem mit seinem besonders geräumigen Laderaum überzeugt.
Schon Ende der 1940er-Jahre hatte Volvo mit dem PV445 «Duett» einen ersten Kombi als Alternative zum klassischen Buckelvolvo im Programm. Endgültig Legendenstatus erlangten die Kombis aus Schweden mit dem ab 1974 gebauten 240er. Mit seiner kantigen, zeitlosen Form wurde er nicht nur zum Designerstück, sondern überzeugte primär mit seinem konkurrenzlosen Platzangebot. Kaum verwunderlich also, dass man den 240er bis 1993 im Angebot behielt. Er wurde stetig weiterentwickelt und daher sogar noch 1991 als sicherstes Fahrzeug auf dem amerikanischen Markt bewertet. Damit setzte er schon damals die Eckpunkte fest, welche einen Volvo -Kombi auch heute noch ausmachen sollten: Grosszügiges Platzangebot für alltägliche und nicht ganz alltägliche Transportaufgaben, höchste Sicherheitsstandards und zeitloses Design.

In bester Familientradition

Dass man bei Volvo hohen Wert auf die Fortführung dieser Tradition legt, ist dem neuen V60 in jeder Faser anzumerken. Im Vergleich zum grossen Bruder, dem V90, baut der V60 rund 18 Zentimeter kürzer (4,76 Meter) und drei Zentimeter schmaler (1,85 Meter). Trotzdem baut er auf derselben skalierbaren Plattform auf und setzt entsprechend auf verwandte Antriebe.
Für die ersten Testfahrten rund um Barcelona stand der Schwedenkombi in zwei Varianten zur Verfügung: Als T6- Benziner mit 310 PS und Allradantrieb und als D4-Diesel mit 190 PS und Frontantrieb. Zum Marktstart im Sommer steht zudem ein Basis-Diesel mit 150 PS im Angebot. Auf Ende 2018 folgt zudem der T6 Plug-in-Hybrid mit 340 PS und Allradantrieb, das Topmodell T8 Plug-in-Hybrid mit 390 PS dürfte ab Anfang 2019 verfügbar sein. Alle Antriebe erfüllen bereits die Abgasnorm Euro 6d temp; sowohl Diesel als auch Benziner sind mit Partikelfilter ausgestattet.
Mit 1690 bis 2069 Kilogramm Leergewicht ist auch der neueste Volvo kein Leichtgewicht. Doch ist er, gerade im Vergleich zum grösseren V90, rund 200 kg leichter. Das macht sich durchweg positiv bemerkbar. Volvos Credo, nur noch auf Motoren mit höchstens vier Zylindern zu setzen, fällt hier wortwörtlich weniger ins Gewicht. Gerade mit dem starken T6-Benziner wirkt der Schwede äusserst passend motorisiert. Dank der Kombination aus Kompressor- und Turboaufladung baut der Vierzylinder sein maximales Drehmoment von 400 Nm sehr linear und souverän auf.
Wer zügig unterwegs sein will, sprintet dank Allradantrieb in 5,8 Sekunden auf 100 km/h. Wer gediegen gleiten will, erfreut sich über ruhigen Lauf, gute Geräuschdämmung und eine sanft schaltende 8-Stufen-Automatik. Ein guter Kompromiss, der seine Fortsetzung auch beim Fahrwerk findet.


Vor allem mit der optionalen Luftfederung, wie sie bei den ersten Testfahrten verbaut war, überzeugt der Schwede mit seiner souveränen Strassenlage. Auch harte Schläge werden zuverlässig absorbiert, ohne dass der Kombi zu weich und schlaksig wirkt. Flott gefahrene Kurven steckt er problemlos weg, allzu grosse Seitenneigung weiss er zu vermeiden. Auch wenn man den V60 auf kurvigen Strecken fordert, bleibt er sehr flüssig, geschmeidig und ruhig. Ein geschickter Schachzug, denn damit schafft sich der V60 in seinem Segment eine attraktive Nische – ansprechende Dynamik ohne unangenehme Härte. Das passt.

Hochwertige Moderne

Im Interieur begrüsst der neue V60 seine Insassen mit dem typischen Flair neuer Volvo -Modelle: Hochwertige Verarbeitung, elegantes, sachliches Design und einen Hauch Moderne mit komplett digitalen Anzeigen und zentralem Touchscreen in der Mittelkonsole. Hier fühlt man sich sofort zu Hause, zumal sich die Sitze vielfältig einstellen lassen und mit sehr gutem Komfort überzeugen. Auch auf den Rücksitzen ist das Platzangebot durchaus langstreckentauglich. Der Kofferraum bietet 529 bis 1441 Liter Stauraum. Damit zählt der V60 zwar nicht zu den Geräumigsten im Segment, bietet aber auf jeden Fall genügend Platz für allerlei Transportaufgaben, die im modernen Kombialltag wohl vor allem aus Urlaubsfahrten und Grosseinkäufen im Baumarkt bestehen. Auch im Innenraum gibt der jüngste Spross aus Schweden also kaum Anlass zu Kritik.
Einzig die Menüführung des Touchscreens überzeugt nicht auf Anhieb. Es braucht schon etwas Eingewöhnung, um alle gewünschten Funktionen auf Anhieb zu finden. Hier könnten eine überarbeitete Menüführung und etwas liebevoller gestaltete Schaltflächen Abhilfe schaffen. Ein kleiner Makel, der sich mit etwas Routine ohnehin erübrigt. Er zeigt aber vor allem, dass man beim neuen V60 schon sehr ins Detail gehen muss, wenn man das Haar in der Suppe finden will. Der neueste Schwedenkombi ist ein durch und durch gelungenes Auto mit ausgewogenen Fahreigenschaften, gutem Nutzwert und passenden Antriebsvarianten. Hinzu kommen die zahllosen Sicherheitssysteme, die bei Volvo ab Werk verbaut werden, sodass der V60 auch in dieser Hinsicht ein echter Volvo ist, der seinen legendären Vorfahren gerecht wird. Dafür ist der Einstiegspreis von 49800 Franken (D3, 150 PS) gerechtfertigt, auch wenn sich dieser Preis mit gehobener Ausstattung und Motorisierung beliebig erhöhen lässt. Der getestete D6 AWD mit Automatik und Allradantrieb kostet ab 67200 Franken.

Geschmeidiger Diesel

Als günstigere Alternative sei derzeit der D4 Diesel mit Frontantrieb und 8-Stufen-Automatik empfohlen. Er ist zwar beim Start noch klar als Selbstzünder zu erkennen, läuft danach aber ruhig und vibrationsarm. Mit 400 Nm ab 1750 Umdrehungen hat er genügend Kraftreserven, auch wenn es bergauf geht. Laut neuem, realitätsnahem WLTP-Messzyklus soll er mit 5,9 l/100 km Diesel auskommen; ein glaubwürdiger Wert, den man im Alltag durchaus erreichen kann. Wer den Diesel mit Allrad kombiniert haben möchte, muss sich allerdings noch gedulden. Mit Frontantrieb ist der D4 ab 51950 Franken (Handschaltung) oder 54700 Franken (Automatik) zu haben. Insgesamt liefert der neue Volvo V60 also eine durchweg überzeugende Vorstellung ab – und dürfte dafür sorgen, dass man bei «Kombi» weiterhin an Volvo denkt. Trotz anhaltendem SUV-Boom.