Sind Sie auch eine Aktivistin? Ob Sie eine Frau oder ein Mann sind, ist dabei einerlei. Denn «Mann» und «Frau» sind, so konnte ich neulich lernen, hoffnungslos veraltete Kategorien. Überhaupt musste ich mitnehmen, dass, wer feministische Positionen vertritt, «aktivistisch» unterwegs ist, in einer bestimmten «Szene» verkehrt und «intersektionell» denkt. – Um all dies einzuordnen: Ich hatte eine interessante Begegnung mit einer Reihe von Expertinnen und Experten zum Thema Gleichstellung.

Bisher hielt ich mich für eine vergleichsweise konsequente Feministin. Immerhin beklage ich (auch öffentlich), dass Frauen in den Führungsetagen immer noch stark untervertreten sind und am Ende vielleicht doch nur eine Quote hilft (was einer Frau in ebendiesen Etagen nicht nur Freunde macht – Freundinnen inzwischen schon eher). Auch kann ich mich hörbar äussern, wenn ich die einzige Frau auf dem Podium sein soll, erst recht als Moderatorin. Und ich propagiere, wo immer sich mir die Gelegenheit bietet, das Buch von Iris Bohnet «What works» – ein eigentlicher Leitfaden, der hilft, verzerrte Wahrnehmungen, denen notabene Frauen wie Männer unterliegen, mit kleinen, aber einfachen Vorkehrungen zu minimieren.

Die geschilderte Begegnung aber sollte mich eines Besseren belehren. Ein Teil der Anwesenden war klar der Auffassung, dass ebendiese Form von Gleichstellungspolitik veraltet sei. Vielmehr müsse es darum gehen, das gesamte Spektrum von möglichen Diskriminierungen – also auch nach Herkunft, Rasse, Klasse, sexueller Orientierung u.s.f. – zu beachten und in entsprechende Integrationsmassnahmen mit einzubeziehen. Dieser Theorie der «Intersektionalität», wonach nicht nur Frauen benachteiligt werden, sondern Menschen sehr verschiedener gesellschaftlicher Ränder, kann ich sehr wohl folgen; ebenso der Überlegung bzw. Tatsache, dass es bei gewissen Menschen in bestimmten Kontexten zu Mehrfachdiskriminierungen kommen kann.

Ob jedoch alle Probleme – sprich: alle Formen von Diskriminierungen – mit einer einzigen, umfassenden Politik gelöst werden können, wage ich zu bezweifeln. Unter Kolleginnen haben wir uns jedenfalls immer wieder amüsiert, wenn es etwa darum ging, in eidgenössischen Gremien die «diversity» zu stärken. Die Handhabe war klar: mit einer Frau aus der «lateinischen Schweiz» waren sämtliche Minderheiten abgedeckt, den Rest der Posten konnten die Männer dann unter sich verteilen ...

Nachdenklich stimmt mich etwas anderes: Die Vermengung von Sichtweisen führt in einen Relativismus, aus dem wir kaum mehr einen Ausweg finden. So wurde – ebenfalls in dieser Runde – als gesellschaftlicher Fortschritt gewertet, dass eine Muslimin ein schweizerisches Frauenbad im Burkini besucht. Vom Gesichtspunkt einer als Muslimin und als Frau diskriminierten Person mag das so sein – immerhin sind öffentliche Bäder im politischen Islam (meine diesbezügliche Gewährsfrau bleibt Necla Kelek, «NZZ» vom 10. Juli 2018) als Aufenthaltsort für Frauen nicht unbedingt vorgesehen. Wie aber präsentiert sich diese Situation für eine gleichgestellte Schweizerin, wo doch das besagte Kleidungsstück wie wenige andere die männlich verordnete Unterstellung der Frau unter den Mann demonstriert? Am Ende stellt uns diese Situation vor die Frage, was uns in der Schweiz denn wichtiger ist: die Gleichstellung der Geschlechter oder die Gleichstellung der Kulturen mitsamt ihren ungleichen Vorschriften?

Positionen zu relativieren, indem sie auf den Standpunkt ihres Betrachters hin überprüft werden, ist ein wichtiges Moment kritischen Hinterfragens. Ein radikaler Relativismus aber, für den es keine vom Erkennenden selbst unabhängige Erkenntnis und damit auch Norm mehr gibt, führt zum Skeptizismus – und schliesslich, auch das ist in der gegenwärtigen Politik nicht unbekannt, zur Auflösung des Wahrheitsbegriffs. Am Ende ist alles möglich, weil nichts mehr gilt. In geradezu buchstäblicher Tat und Wahrheit haben wir es gegenwärtig jedoch immer noch mit vielfältigen Problemen zwischen den Geschlechtern zu tun – im Büro ebenso wie auf der Strasse. An beiden Orten sind Mann und Frau noch sehr verlässliche Kategorien, die ihre Beachtung verdienen und nach Lösungen verlangen. Sie fordern keinen Aktivismus, aber entschiedenes Handeln, von Männern wie Frauen.

Die promovierte Philosophin berät Unternehmen in gesellschaftspolitischen Fragen. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen, Managing Partner von GENTINETTA*SCHOLTEN und moderiert zusammen mit Eric Gujer die NZZ-Standpunkte.