Als seine Mutter abnahm, glaubte ich zu sterben. «Ist Christoph da?» Sie holte ihren Sohn ans Telefon. Mit zitternder Stimme fragte ich den Jungen aus der Klasse über mir, den ich schon seit Monaten super toll fand, ob er am Samstag mit mir ins Kino gehen wolle. Es sollte das erste Date meines Lebens werden.

Anbaggern ist heute bubieinfach – weil anonym

Vor 20 Jahren war vieles anders. Nicht nur, dass ich für meine ersten Gehversuche in Sachen Liebe auf ein Festnetztelefon anrief und die Nummer in einem Telefonbuch fand. Dass ich mein Interesse für einen Jungen meiner Schule bekundete, barg auch ein grosses Risiko: Hätte ich einen Korb bekommen, wäre ich ganz schön blöd dagestanden. Läck, war ich damals mutig.

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Heute benutze ich Smartphones statt Festnetz, und statt Mut braucht es nicht mehr als ein rasch eingetipptes «Hey, Lust auf ein Treffen?». Multi-Flirten gehört dazu, die Durchfallquote ist hoch. Soziale Netzwerke und Apps machen Anmachen bubieinfach und anonym – und damit Abfuhren erträglich. Easy! Hauptsache, das Gesicht nicht verloren. Ist der digitale Smalltalk erst mal in Gang, ist die Fallhöhe zwar niedrig, das Eis aber dünn: Ein falsches Wort, ein unpassender Smiley – und das Interesse ist weg. Easy!

Bloss keine Blösse vor dem Herrn

Nennen Sie mich old-fashioned. Oder eine Romantikerin. Doch dass wir gerade das analoge Flirten verlernen, macht mich traurig. Was gibt es Besseres, als jemandem einen Abend lang verheissungsvolle Blicke zuzuwerfen, bevor man sich endlich anspricht? Klar, ich könnte ihn auf Facebook suchen und ihm einfach eine Nachricht schicken. Keine Blösse vor dem Herrn. Aber auch kein Herzklopfen, kein verlegenes Anlächeln, keine zufälligen Berührungen.

Zurück ins Jahr 1999. Das Kino-Date war ein Reinfall. Im Saal sass die halbe Schule, erste Annäherungsversuche waren ausgeschlossen. Heute hätte ich ihm einfach ein Smiley geschickt und geschrieben: «Cool war’s, sehen wir uns wieder?» Doch keine Smartphones, keine spontanen Nachrichten. Stattdessen musste ich bis Montag warten, ihn auf dem Pausenplatz abpassen und ihn fragen, ob wir ein Paar sein wollen. Er sagte wieder Ja. Hach, war damals alles easy.