Die Bedeutung des anstehenden Entscheids steht zwar in keinem Verhältnis zur Erregung, den er seit Wochen erzeugt: Kommende Woche beschliesst der Verwaltungsrat der SRG über einen Antrag der Direktion, einen Teil des Berner Radiostudios nach Zürich zu dislozieren. Einerseits ist der Spareffekt mit rund drei Millionen Franken überschaubar, andererseits steht nicht die Auflösung des SRG-Hauptstadtstudios zur Diskussion. Dennoch gehen die Wogen hoch.

Die Berner, traumatisiert von der schleichenden Monopolisierung ihres Medienraumes, überbieten sich in Manifestationen zum Erhalt ihres Radiostudios. Die nationale Kohäsion sei durch die Abwanderungspläne gefährdet, führen sie ins Feld, um eigene Verlustängste argumentativ zu unterlegen. Flankiert werden ihre Bedenken von eingefleischten Föderalisten und jenen, die den Status quo ohnehin jeder Veränderung vorziehen.

Ihnen gegenüber steht eine vornehmlich in Zürich formulierte Ansicht, die Standortfrage werde generell überschätzt und zudem gelte es, den 100-Millionen-Sparauftrag umzusetzen. Liz Borner, die Radio-Chefredaktorin, setzte den eingängigen Slogan, es sei besser, bei den Gebäuden zu sparen statt bei den Menschen. Zum Showdown stilisiert wird der Umzugsentscheid durch eine Argumentation, die etwa von der Fachpublikation «Medienwoche» vorgetragen wird: Wenn die SRG schon diese betriebswirtschaftlich nachvollziehbare Dislozierung auf politischen Druck nicht umsetzen kann, werde sie erpressbar und handlungsunfähig. SRG-Generaldirektor Gilles Marchand werde sein Gesicht verlieren, verweigerte ihm der Verwaltungsrat bei erstbester Gelegenheit die Gefolgschaft.

Nicht dass die Berner Larmoyanz zum Leitmotiv taugt. Doch die Aufforderung, die SRG müsse sich der unternehmerischen Logik unterwerfen, ist falsch. Denn die SRG ist keine privatwirtschaftliche Firma, sondern ein komplexes Service-public-Unternehmen. Es hat die schwierige Aufgabe, betriebswirtschaftlich zu handeln, aber im Kontext sich wandelnder politischer und gesellschaftlicher Ansprüche. Der damit verbundene Spagat ist derzeit zwar besonders anspruchsvoll, weil die technologische Entwicklung rasant und der Spardruck gross ist. Doch die SRG verfügt über reiche Erfahrung, den föderalen Ausgleich auszuhandeln.

Was anno dazumal von Beromünster aus auf Mittelwelle gesendet wurde, bestand zwingend aus einem Programm, das zu gleichen Teilen in Basel, Bern und Zürich produziert wurde. Das 1945 gegründete «Echo der Zeit» wurde abwechslungsweise in den drei Studios redaktionell betreut. 1959 erfolgte nach hartem Ringen die Einführung des alteidgenössischen «Vorortsprinzips»: Zürich erhielt den Sport und die rätoromanischen Sendungen, Basel die Frauenstunde und den Jazz, Bern die Landwirtschaft und die Religion. Als Zürich 1960 die E-Musik erhielt, behändigten Basel die Unterhaltung und «kulturelle Wortsendungen» sowie Bern die aktuelle politische und wirtschaftliche Information. Der regionalpolitische Kulturkampf eskalierte Ende der Sechzigerjahre, als Zürich zum Standort des Deutschschweizer Fernsehens bestimmt wurde. Im Gegenzug dislozierte das Radio-Orchester Beromünster von Zürich nach Basel. Bern sicherte sich alle Nachrichtensendungen.

Im Jahr 2000 wollte der damalige Radiodirektor Walter Rüegg den Betrieb gänzlich in Zürich konzentrieren. Die Politik reagierte umgehend und setzte in das neue Radio- und Fernsehgesetz den Passus: «Die SRG hat bei der Programmproduktion die Interessen der Regionen zu berücksichtigen.» Die Region Basel war durch die Pläne nicht nur aufgeschreckt, sondern ihre regionale SRG-Trägerschaft auch mobilisiert. 17 Jahre später wird als direkte Folge dieses Prozesses ein neues SRG-Studio für 22 Millionen Franken im Meret-Oppenheim-Hochhaus beim Basler Bahnhof gebaut. Darin wird die SRG-Kulturabteilung von Radio- und Fernsehen einziehen. Das föderale Geschacher hat Früchte getragen.

Es ist richtig, dass die Direktion nach der effizientesten Struktur strebt und die Politik über den Verwaltungsrat das föderale Korrektiv bietet. Jetzt auf den Radioumzug nach Zürich zu verzichten, wäre deshalb kein Zeichen von Schwäche. Es wäre vielmehr Ausdruck, dass der Service public der SRG nicht nur behauptet, sondern in der Auseinandersetzung gelebt wird.