Über die Türkei zu schimpfen, ist gerade en vogue. Schliesslich herrscht am Bosporus mit Recep Tayyip Erdogan ein Mann, der in seiner Eitelkeit und seinem Machtstreben noch extremer ist als US-Präsident Donald Trump. Und in Wil, wo der lokale Fussballklub vor dem finanziellen Kollaps steht, sind die Schimpftiraden gegen die Türkei gar noch etwas lauter als anderswo.

Schliesslich hat der türkische Investor Mehmed Nazif Günal urplötzlich den Geldhahn zugedreht. Das bringt den vor wenigen Tagen noch ambitionierten Challenge-League-Klub in Existenznöte. Denn Günal war es, der 18 Monate lang die finanziellen Exzesse finanziert hat. Allein die letzte Jahresrechnung glich er mit einem Zuschuss von über 10 Millionen Franken aus.

Als lebensrettende Massnahme müssen nun bis Ende Saison fünf Millionen eingespart werden. Sonst gehen beim FC Wil die Lichter aus. Für die Allgemeinheit ist klar: Günal und sein Statthalter Abdullah Cila sind verantwortlich für das Desaster. Schliesslich sind sowieso fast immer die Ausländer schuld, wenn ein Schweizer Fussballklub an die Wand gefahren wird.

Doch die Antwort auf die Schuldfrage ist nicht so offensichtlich. Und sie führt auch zu einem Schweizer, zu Roger Bigger. Das ist ein umtriebiger Vermögensverwalter aus der Region Wil, der einst mit Pommes-frites-Automaten auf die Nase gefallen ist.

Bigger ist seit Jahren der Drahtzieher beim FC Wil. Er war es schon beim letzten Chaos, als er Klub-Aktien dem ehemaligen ukrainischen Weltklassefussballer Igor Belanow verkaufte, der sich bald als Hochstapler entpuppte. Und Bigger ist auch im neusten Akt des Dramas vom Bergholz eine Hauptfigur.

Alternative Fakten

Bigger hat vor rund anderthalb Jahren einen Grossteil seiner Aktien an Günal verkauft. So weit ist alles gut. Doch der Verdacht liegt nahe, dass Bigger sich in den Verhandlungen mit dem türkischen Milliardär alternativer Fakten bediente. Günal hatte in Wil Grosses vor. Der Aufstieg in die Super League sollte nur ein erstes, kleines Etappenziel sein. Später sollte Wil europäisch spielen.

Dumm nur, dass Wil eben erst in ein neues Stadion gezogen ist, das den Ansprüchen der Super League nicht genügt. Und vielleicht wurde Günal auch nicht ins Bild gesetzt, dass er in der Schweiz nicht von einem Tag auf den andern ein neues Trainingszentrum bauen und das Stadion erweitern kann, selbst wenn er alles finanziert.

Bigger inszeniert sich nun als Kämpfer, indem er die Rettung zu orchestrieren versucht. Bigger inszeniert sich als Moralist, indem er wettert, die Türken setzten Existenzen aufs Spiel. Und Bigger inszeniert sich als Spender, indem er in Aussicht stellt, mit eigenen Mitteln zur Rettung beizutragen.

Nette Inszenierung eines Mannes, der gemäss einem Insider von Günal einen hohen siebenstelligen Betrag für den Verkauf seiner Aktien kassiert hat. Nette Inszenierung eines Mannes, der gewusst haben muss, dass alles den Bach runtergeht, wenn Günal aussteigt, weil Wil ohne türkische Hilfe die hoch dotierten Verträge nie erfüllen kann. Nette Inszenierung eines Mannes, der kraft seines Amtes als Finanzchef des Liga-Komitees zu Integrität verpflichtet ist. Nette Inszenierung eines Mannes, der im Schweizer Fussball mit den höchsten Ämtern liebäugelt und jetzt nur noch auf eine Hauptrolle in «Der Bestatter reloaded» hoffen kann.