Gessler hat Tells Urteil gesprochen, alles steht schreckensstarr, sogar die mächtigen Bäume ragen unheilvoll in den Nachthimmel. Davon völlig unbeeindruckt zeigen sich zwei Reitpferde, die im Augenblick höchster Spannung miteinander zu keifen beginnen. So geht Surrealismus im 21. Jahrhundert. Und so geht Oper Tell, das Freilichtspektakel, das Tiere und Tenöre miteinander zum Auftritt bittet.

Als exklusiver und erstmaliger Zusammenschluss ist Oper Tell angekündigt, eine Produktion, bei der die traditionellen Tellspiele Interlaken mit Rossinis Oper zusammenspannen, auf dass die Arien und Pfeile um die Wette fliegen. Bestechend ist die Idee. Schliesslich hatte schon Rossini bei der Komposition seiner Oper auf Schillers Drama zurückgegriffen. In Interlaken soll sich nun der Kreis schliessen.

Die schweizerischste aller Opern

In der imposanten Outdoor-Kulisse der Tell-Spiel-Arena mit nachgebautem Mittelalterdorf, umgeben von hohen Bäumen und noch höheren Felsen versammeln sich also für das schweizerischste aller Freilicht-Opern-Spektakel sechs gestandene Opernsänger als Hauptdarsteller: Boris Petronje gibt Bösewicht Gessler mit gut geschmiertem Bass, was die süffisante Seite seiner Rolle zusätzlich unterstreicht. Bariton Davide Damiani als Titelrolle Tell ist alles andere als ein Haudrauf, sondern ein reflektierter Mann, der seinen Ideen musikalisch mit zielgerichtetem Drive Nachdruck verleiht. Claude Eichenberger als seine Frau Hedwige singt sensibel und beinahe etwas zurückhaltend, während Alessandro Luciano nicht nur wegen seines Nachnamens eine Extraportion Italianità nach Interlaken bringt. Zum heimlichen Star des Abends wird aber Tells Sohn Jemmy, der wortwörtlich seinen Kopf hinhalten muss für die Unbeugsamkeit seines Vaters – schliesslich kommt dort drauf der von Tell mit der Armbrust zu treffende Apfel. Gina Gloria Tronel gelingt es mit dramatischem Ausdruck, glasklarem Sopran und unangestrengter Grosszügigkeit in der Stimme die Arena unversehens zur Oper werden zu lassen. Beeindruckend auch die grossartige Mikrofonie, welche die Sänger verstärkt und das von Dirigentin Agnes Ryser klug geleitete Tell Oper Orchester scheinbar aus einem der Mittelalter-Häuser herausklingen lässt, sowie das gelungene Konzentrat der Oper auf anderthalb Stunden.

Dass es dennoch nicht zu Kernschmelze kommt zwischen Tellspielen und Oper, liegt an gewissen Aspekten, denen seitens der Produktion zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Etwa die insgesamt sechs Chöre, darunter ein Kinderchor, die als Statisten in der Kulisse stehen. Unbeweglich, unverbunden mit dem Geschehen. Währenddessen werden ihre Rollen von stummen Darstellern verkörpert. Der Bühnenillusion ebenso wenig dienlich ist, dass die Protagonisten über eine Distanz von 30 Metern miteinander singen müssen. Hier hätte man die Gesetze der Oper über jene des Open Airs stellen müssen.

Dennoch gibt es einen Kitt, der die gesamte Produktion zusammenhält, und der ist stark. Sein Name: Herzblut. Und an diesem Herzblut sind vor allem die 300 Laiendarsteller schuld. Sie sind schlicht und einfach eine Wucht, wenn sie ihre ganze Persönlichkeit mitsamt ihrem Leben auf die Bühne bringen. Da tummeln sich Kinder und Greise; da ist ein älterer Mann, der jedem Charakterdarsteller den Rang ablaufen würde, auch ein geistig Behinderter mischt begeistert mit. Nur, dass man sämtliche (!) farbige Statisten als geharnischte Bösewichte besetzte, lässt einmal leer schlucken. Doch Regisseurin Rita Kälin führt Musik und Menschen so zusammen, dass die Persönlichkeit von beiden erhalten bleibt. Dabei entwickelt manchmal gerade das Ungerundete einen ganz eigenen Charme. Etwa, wenn die Kinderstatisten voller Angst vor Gesslers Soldaten davonlaufen müssten und sie vor Spiellust dabei lachen, oder wenn die Schellen der Ziegen ihre ganz eigene Musik unter die Ouvertüre bimmeln. In Interlaken ist Oper – und das Leben in seiner ganzen Bandbreite spielt mit.

Aufführungen bis Sa., 15. 9.