Terry Gilliam lacht viel, obwohl er sichtlich unter starken Schmerzen leidet. Kurz vor unserem Interviewtermin in Cannes lag der 77-jährige Filmemacher noch im Spital, wegen einer blockierten Arterie. Eine weitere Station auf dem langen Leidensweg seines neuen Films. Schon seit über 25 Jahren versucht Gilliam «The Man Who Killed Don Quixote» auf die Leinwand zu bringen. Er scheiterte immer wieder, über die desaströsen Dreharbeiten im Jahr 2000 gibt es sogar einen (grossartigen) Dokumentarfilm, «Lost in La Mancha». Gilliams Don-Quixote-Projekt war derart vom Pech verfolgt, dass man in der Filmindustrie damals von einem Fluch sprach. Doch nun, nach fast drei Jahrzehnten in der Entwicklungshölle, hat es Gilliam geschafft: «The Man Who Killed Don Quixote» ist abgedreht und startet nächste Woche im Kino.

Terry Gilliam, der Fluch ist gebrochen. Wie erleichtert sind Sie?

Terry Gilliam: Wissen Sie, ich habe nie an einen Fluch geglaubt – aber die Schlagzeilen waren gute PR! (lacht) Sie haben immer wieder Filmproduzenten angelockt, die sagten: «Ich werde der Mann sein, der das Projekt rettet und den unproduzierbaren Film produziert!» Doch jeder von ihnen ist gescheitert.

Sie hielten trotzdem am Film fest – fast drei Jahrzehnte lang. Wie schafften Sie das?

Mit Drogen und Alkohol! (lacht) Was mich antrieb, waren alle jene Leute, die mir sagten, ich solle aufgeben.

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Sie müssen sich selbst wie die Romanfigur Don Quixote gefühlt haben, die erfolglos gegen Windmühlen kämpft.

Es gab solche Momente, ja. Doch der Roman handelt auch davon, wie man mit Scheitern umgeht – das hat mich inspiriert. Don Quixote richtet sich nach jeder Niederlage wieder auf. Auch dank der Hilfe seines Dieners Sancho Panza.

Wer war denn Ihr Sancho Panza?

Mein Kameramann Nicola Pecorini. Im Abspann des Films steht jetzt sogar: Nicola «Sancho» Pecorini. Es gab weitere Menschen, die mir unter die Arme griffen – allerdings gab es mehr, die mich stoppen wollten.

Wer wollte Sie stoppen?

Meine Frau, zum Beispiel. Sie ist eine sehr vernünftige Person! (lacht) Sie sagte mir: Wenn du diesen Film sein lässt, könntest du zehn andere machen. Aber ich liess mich nicht abbringen, egal wie frustrierend es wurde.

Wie hat sich dieser langjährige Frust auf Sie ausgewirkt?

Sagen wir es so: Mein Körper ist gealtert, aber im Inneren bin ich immer noch ein Kind! Da fällt mir ein: Die Filmcrew, die «Lost in La Mancha» gedreht hat, den Dokumentarfilm über unsere ursprünglichen Probleme, war dieses Mal wieder dabei und hat erneut einen Dokumentarfilm gedreht. Als sie mir eine Gegenüberstellung von damals und heute zeigten und ich mich selbst sah, dachte ich: Wer zum Teufel ist dieser alte Sack?

Wie ist denn «The Man Who Killed Don Quixote» gealtert? Hätten wir vor 25 Jahren denselben Film zu sehen bekommen wie jetzt?

Nein, Gott sei Dank nicht! Unsere erste Drehbuchfassung narrte viele Leute und liess sie glauben, dass daraus ein guter Film entstehen könnte. Er wäre nicht mal halb so gut gewesen wie der jetzige Film.

Die geplagte Entstehungsgeschichte ist jetzt Teil des Filmstoffs.

Das Drehbuch hat sich andauernd verändert. Unsere Hauptfigur, gespielt von Adam Driver, ist jetzt selbst ein Regisseur, der erfolglos versucht, einen «Don Quixote»-Film zu drehen. Diese Idee hat das Drehbuch enorm bereichert.

Wie viel von Ihnen selbst steckt im verhinderten Filmemacher Toby?

Toby entspricht mir nur zu einem Teil. Er ist im Film eigentlich ein Werberegisseur, und diese Art von Arbeit habe ich mein ganzes Leben lang versucht zu meiden. Die Versuchung ist gross, denn das Geld ist fantastisch. Ich kenne viele talentierte Filmemacher, die Werbeaufträge annahmen und mit dem Verkauf von Hundefutter und Klopapier reich wurden. Aber das ist doch nicht unsere Berufung! Filme sind wichtig, Werbefilme nicht. Die Träume, die sie verkaufen, sind eine Lüge. Ach, was rede ich da – auch Hollywood verkauft nichts als Lügen! (lacht)

Ihr Film zeigt die Schattenseiten von Hollywood. Ihre Dulcinea etwa träumt von einem Leben als Filmstar, verdingt sich aber als Prostituierte.

Mir schwebte eine Dulcinea vor, die beschmutzt ist, die von Hollywood verführt und enttäuscht wurde. Denn so ist es doch in den meisten Fällen: Junge Schauspielerinnen ziehen voller Hoffnung dorthin und scheitern. Hollywood frisst Menschen auf. Nicht nur Mädchen, auch Jungs – jeden und jede mit den geringsten Ambitionen. Zwei meiner Freunde aus dem Filmgeschäft haben Suizid begangen. Sie hatten erfolgreiche Karrieren, aber da war immer jemand, der noch ein bisschen mehr Erfolg hatte. Das machte sie fertig.

2008 verstarb auch Ihr Hauptdarsteller Heath Ledger - mitten während des Drehs Ihres Films «The Imaginarium of Doctor Parnassus».

Das war richtig hart. Heath war für mich wie ein Sohn und einer der weisesten Menschen, die ich je kennen lernte. Als er eines Tages nicht zur Arbeit erschien, sagte ich: Du bist gefeuert. Aber nein, er war tot. Das war furchtbar, ich wollte alles hinschmeissen. Doch meine Tochter Amy sagte mir: Du musst diesen Film beenden! Ich schaffte das letztlich nur dank der Hilfe von Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law, die Heaths restlichen Szenen spielten.

Mit Jean Rochefort und John Hurt sind inzwischen auch zwei Ihrer ursprünglichen Don-Quixote-Darsteller verstorben.

Als Jean plötzlich schwer erkrankte und aussteigen musste, war das ein Desaster. Aber der Film wäre auch sonst auseinandergefallen, er war derart schlecht. Ich war damals sehr egoistisch und dachte: Jetzt ist es immerhin nicht meine Schuld! Ich habe Jean noch zweimal getroffen, bevor er 2017 verstarb, er sah jung und vital aus. Ich sagte zu ihm: Gut, bist du damals ausgestiegen!

Johnny Depps ursprüngliche Rolle spielt nun Adam Driver. Er scheint ein Glücksbringer zu sein. Auch Martin Scorsese brauchte für seinen Film «Silence» über 20 Jahre, und auch bei ihm klappte es erst, nachdem er Adam Driver gecastet hatte.

Adam ist der beste Schauspieler seiner Generation. Er verlieh der Figur, wie sie im Drehbuch stand, eine ganz neue Dimension. Er hat die einzigartige Gabe, aus den kleinen Momenten immer etwas Spezielles zu erschaffen. Meine Tochter brachte mich auf ihn, ich hatte seine Fernsehserie «Girls» nie gesehen. Adam ist also tatsächlich ein Glücksgriff.

Terry Gilliam, Ihr Opus ist vollbracht. Setzen Sie sich jetzt zur Ruhe?

Ich war so lange auf dieses Projekt fixiert, dass ich tatsächlich noch nicht weiss, ob ich je wieder einen Film mache. Andererseits: Wenn ich nicht am Arbeiten bin, dann hocke ich bloss einsam vor meinem Computer und gucke auf Facebook nach, was draussen läuft. (lacht) Deprimierende Aussichten, oder?

Ein ausufernder Filmspass

Toby (Adam Driver, links im Bild) möchte einen «Don Quixote»-Film drehen, doch alles läuft schief: Schon mit der ersten Szene wird klar, dass Terry Gilliam mit «The Man Who Killed Don Quixote» die Probleme aufarbeiten will, die seinen Film lange geplagt haben. Weil er dies nicht mit Groll, sondern mit Schalk tut, macht die erste Hälfte des Films gewaltig Spass. Dann lässt Gilliam seinen Stoff, wie üblich, ins Fantastische ausufern. Toby trifft einen alten Schuhmacher (Jonathan Pryce, rechts), der sich für den romantischen Romanhelden Don Quixote hält. Zusammen erleben sie ein skurriles Abenteuer inklusive Hexen, Inquisitoren und eines böswilligen russischen Oligarchen. Was ist Wirklichkeit, was Illusion? Nicht nur Toby, auch das Kinopublikum verliert bald den Durchblick. Ein Film voller fantastischer Ideen, doch Gilliam schafft es nicht ganz, an alte Meisterwerke wie «Brazil» (1985) anzuknüpfen. (LOR)

The Man Who Killed Don Quixote. Ab 13. 9. im Kino.