Hollywood-Glamour steht am Toronto International Filmfestival (TIFF), das noch bis diesen Sonntag läuft, an erster Stelle. Hier geben sich Lady Gaga, Julia Roberts und Nicole Kidman auf dem roten Teppich die Klinke in die Hand, und hier bringen sich all die Prestigeproduktionen in Stellung, von denen man in der Traumfabrik ausgeht, dass sie die nächste Oscar-Verleihung unter sich ausmachen.

Doch auch sperrigere Filmkunst aus aller Welt hat ihren Platz bei diesem Festival, nicht zuletzt in der Sektion Platform, in der als einziger in Toronto eine Jury Preise vergibt. Und genau hier feiert am Dienstag der mit Spannung erwartete Film «Der Unschuldige» des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet seine Weltpremiere.

Glamourös geht es in Jaquemets Film nun wirklich nicht zu. Vier Jahre nach seinem eindrucksvollen und mehrfach preisgekrönten Debüt «Chrieg», das damals bei den Festivals von San Sebastián und Zürich zu sehen war, begibt sich der 40-jährige Basler Filmemacher mit seinem Zweitling vielmehr in eine eher trostlose Welt aus Vorstadt-Neubauten und anonymen Mehrzwecksälen, kalten Parkhäusern und düsteren Kellern.

Bis zur Teufelsaustreibung

Dies ist die Welt von Ruth (Judith Hofmann), Mutter zweier jugendlicher Töchter, verheiratet mit dem streng gläubigen Hanspeter (Christian Kaiser) und als Labortechnikerin tätig.

Wenn sie nicht am beten ist, experimentiert Ruth (Judith Hofmann) im Labor mit Affen.

Als sie eines Tages ihren ehemaligen Verlobten Andreas wiederzusehen glaubt, der einst nach einer umstrittenen Verurteilung für einen Raubmord ins Gefängnis ging, beginnt ihr wenig aufregender Alltag aus den Fugen zu geraten.

Erst muss sie sich im Gottesdienst ihrer Freikirche übergeben, dann zieht sie sich die Haut um die Fingernägel ab und bald schon sitzt jener Andreas (Thomas Schüpbach) nachts auf dem Familiensofa.

Oder hat sich Ruth dieses Wiedersehen nur eingebildet? Immer weiter verliert sie ihren Halt, zusehends zerrissen zwischen ihrem einstigen Leben und ihrem jetzigen, aber auch zwischen den rigiden Regeln ihres Glaubens und ihrer Arbeit, wo Kopf-Transplantationen an Affen vorgenommen werden, um auf lange Sicht der menschlichen Sterblichkeit ein Schnippchen zu schlagen.

Ihr Kontrollverlust eskaliert zusehends und findet auch dann kein Ende, als ihr der Priester (Urs-Peter Wolters) der Glaubensgemeinschaft den Teufel austreiben will.

Die Glaubensgemeinschaft um den Priester (Urs-Peter Wolters, rechts) will Ruth (links) den Teufel austreiben.

Nervenzusammenbruch oder Glaubenskrise, Schizophrenie oder Besessenheit – Simon Jaquemet liefert in «Der Unschuldige» keine einfachen Erklärungen für das, was mit seiner Protagonistin passiert, und auch die Frage, wo hier die Realität aufhört und die Wahnvorstellungen anfangen, wird natürlich nicht beantwortet.

Das dürfte einige Zuschauer wohl frustrieren, genau wie auch das langsame Erzähltempo und die den Film zu weiten Teilen durchziehende Dunkelheit ein am Hollywood-Mainstream geschultes Publikum auf die Probe stellen wird.

Doch gerade in der Rätselhaftigkeit und in den surrealen Einsprengseln, die diese Erzählung perforieren, liegt die grosse Stärke von Jaquemets Zweitwerk.

Die Momente der Irritation, in denen man sich fragt, was hier eigentlich vor sich geht, sind zahlreich, angefangen mit jener Szene, in der Ruth das Fleisch fürs Abendessen in einem winterlichen Feld vergräbt, um stattdessen vegetarisch zu kochen.

Je mehr sie sich allerdings aneinanderreihen, desto eindringlicher entwickelt «Der Unschuldige» einen faszinierenden Sog. Nicht wenige Szenen und Bilder dieses Films wirken lange nach dem Kinobesuch nach.

Im Strudel des Wahnsinns

Die emotionale Wucht, die der Regisseur hier entwickelt, ist eine ganz andere, distanziertere als in «Chrieg». Doch eine Wucht ist es in jedem Fall, was nicht zuletzt an Judith Hofmann liegt.

Ganz nah bleibt die Kamera zwei Stunden lang an ihr dran, und es ist bemerkenswert zu sehen, wie Hofmann den Zuschauer dabei gerade weit genug an ihre Figur heranlässt, um ihn mitzureissen in diesen Strudel des Wahnsinns, ohne ihm dabei Einblicke in Ruths Inneres zu geben, die diese selbst nicht hat.

Trailer von Chrieg

Mit diesem Film sorge Simon Jaquemet für Furore.

Dass Jaquemet die so schwierige Bewährungsprobe des zweiten Films mit «Der Unschuldige» überzeugend gelingt, verdankt er nicht zuletzt ihr. Und als sperrige, komplexe Protagonistin befindet sie sich dabei in Toronto übrigens in bester Gesellschaft.

Schliesslich gehört zu Jaquements Konkurrenten um den Platform-Preis auch das Filmdrama «Destroyer» – mit niemand Geringerem als Nicole Kidman in der Hauptrolle.