Ron Stallworth blättert durch die Zeitung und bemerkt ein Inserat: «Ku-Klux-Klan». Darunter steht eine Telefonnummer. Stallworth wählt die Nummer, und als der Mann am anderen Ende der Leitung wissen will, was der Grund des Anrufes sei, antwortet er: «Ich hasse Nigger, Juden, Mexikaner, Spaghettifresser, Schlitzaugen und alle, die nicht von weisser, arischer Abstammung sind.» Stallworth sagt, dass er gerne Mitglied der rassistischen Organisation werden will. Was der Mann des Klans nicht weiss: Stallworth ist ein Polizist. Und schwarz.

Der Film spielt in Colorado Springs Anfang der 1970er-Jahre. Ron Stallworth (John David Washington) ist der erste afroamerikanische Kriminalbeamte der Stadt und macht es sich zur Mission, den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren und zu zerschlagen. Als es ihm gelingt, das Vertrauen des Klans zu gewinnen und dessen Mitglieder ihn persönlich treffen wollen, übernimmt sein weisser Kollege Flip Zimmermann (Adam Driver) Stallworths Rolle. Von nun an beginnt ein Drahtseilakt für die beiden Polizisten, der sie bis ins Innerste der mörderischen Organisation führt.

Der Trailer zu «BlacKkKlansman» (englisch):

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Diese verrückte Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen und liegt Spike Lees neustem Streifen «BlacKkKlansman» zugrunde. Nach einer Reihe von So-so-la-la-Filmen bringt der 61-jährige Regisseur wieder ein Werk auf die Leinwand, das an den beissenden Witz und die Schlagkraft seiner frühen Filme erinnert. Damals, Ende der 1980er-Jahre, empfahl sich Lee mit Filmen wie «She’s Gotta Have it» (1986) und «Do the Right Thing» (1988) als einer der interessantesten jungen Autoren des US-Kinos. Er behandelte gesellschaftliche Themen aus afroamerikanischer Sicht und richtete die Kamera auf den Rassismus in den USA. Gleichzeitig zelebrierten die bunten und pulsierenden Filme die schwarze Kultur und zeigten ein positives Bild von Afroamerikanern.

Ron Stallworth

Der echte Ron Stallworth, seinerzeit der erste afroamerikanische 'detective' in Colorado Springs. 

Ein Mix aus Politsatire und Krimi

Mit «BlacKkKlansman» gelingt es Lee, an den Erfolg seiner Blütezeit wieder anzuknüpfen. Am diesjährigen Filmfestival in Cannes wurde der Film mit dem Jurypreis ausgezeichnet und erhielt minutenlangen Applaus. Auf der Piazza Grande in Locarno erhielt der Film den Publikumspreis. Dabei war Spike Lee ursprünglich gar nicht als Regisseur für «BlacKkKlansman» vorgesehen. Regie sollte Jordan Peele führen, der mit «Get Out» (2017) eine ebenso kluge wie unterhaltsame Rassismuskritik präsentierte. Doch Peele konnte den Film aus Termingründen nicht selber realisieren. Er blieb als Produzent weiterhin am Film beteiligt und rief stattdessen Spike Lee an. «Jordan sagte mir am Telefon lediglich sechs Worte: Schwarzer Mann infiltriert Ku-Klux-Klan», erzählte Lee in einem Interview.

Die Handlung von «BlacKkKlansman» spielt in der Vergangenheit, doch der Film als Ganzes ist voller unmissverständlicher Anspielungen auf die USA von heute unter Präsident Donald Trump. Beispielsweise skandiert David Duke (Topher Grace), oberster Führer des Ku-Klux-Klans, vor einer Versammlung Gleichgesinnter den Slogan «America First» – den Inbegriff der Trump-Politik. In einer anderen Szene belächelt Stallworth die politischen Ambitionen von David Duke und sagt: «Amerika würde nie jemanden wie David Duke zum Präsidenten wählen.»

Nebst diesen offensichtlichen Sticheleien gegen Trump unterwandert Lee auch originale Filmszenen von Hollywood-Klassikern wie «Gone with the Wind» (R: Victor Fleming, 1939) und «Birth of a Nation» (R: D.W. Griffith, 1915). Ersterer zeigte ein verklärtes Bild der Konföderierten Staaten, Letzterer bejubelte den Ku-Klux-Klan. Dabei schafft «BlacKkKlansman» das Kunststück, den Zuschauer mit einer Mischung aus Politsatire und Krimi über zwei Stunden bei der Stange zu halten. Gleichzeitig bleibt beim Zuschauer mehr als einmal das Lachen im Hals stecken. Vor allem wenn gegen Ende des Filmes reale Aufnahmen von den Ereignissen in Charlottesville gezeigt werden.

Der entscheidende Moment

Wütende Menschen marschieren durch die Strassen von Charlottesville. Sie skandieren «Juden werden uns nicht ersetzen» und schwenken Neonazi-Flaggen. Die Situation eskaliert, es kommt zu wüsten Ausschreitungen und man sieht blutverschmierte Gesichter. Plötzlich hört man Schreie, und ein Auto rast in die Menschenmenge. Die verstörenden Bilder auf der Leinwand sind vom letzten Jahr. Beim Anschlag auf die Gegendemonstranten stirbt eine junge Frau. Der Täter war ein Neonazi. Unter den Rednern in Charlottesville erkennt man ein bekanntes Gesicht: Es ist der echte David Duke, der eben noch von Topher Grace gespielt wurde. In einer Rede sagt Duke: «Wir sind entschlossen, unser Land zurückzuerobern. Darum haben wir Donald Trump gewählt.» Der Präsident tritt nach den Ereignissen vor die Kamera und verurteilt die Gewalt «von vielen Seiten». Er sagt, es habe auch «sehr anständige Leute» unter den rechtsextremen Demonstranten gegeben.

Der Regisseur findet in einem Interview deutliche Worte für Trump: «Charlottesville war ein entscheidender Moment. Er hätte der Welt sagen können, wir tolerieren keinen Hass. Aber dieser ‹motherfucker› hat die Nazis nicht verurteilt. Dieser Typ im Weissen Haus legitimiert Rassisten.» Spike Lee bezieht mit seinem Film klar Stellung. Wer den Filmemacher und seine frühen Werke kennt, ist nicht überrascht. Im Herzen war er immer ein Aktivist. Über seinen zum Teil plakativen Ansatz kann man sich streiten. Aber manchmal braucht es jemanden, der uns wachrüttelt.

BlacKkKlansman (USA 2018), 135 Min, Regie: Spike Lee. Ab heute Donnerstag im Kino. ★★★★☆