Im kleinen mecklenburgischen Dorf Conow sitzt Rainer Tews in einem klimatisierten Büroanbau. Der Geschäftsführer des Flossbauers «World of Tom Sawyer» sagt: «Vor 2002 gab es in Brandenburg so gut wie keinen Floss-Tourismus, wie wir ihn heute kennen.»

Nebenan in der Montagehalle steht ein zehn Meter langes und 3,6 Meter breites Floss, das Tews für einen Auftraggeber in Magdeburg baut. Es wird ein Luxusfloss mit Klimaanlage, Soundsystem, Dieselwarmluftheizung, Fischerkennung und anderen Extras. Generell reiche die Preisspanne für Flösse, die nach individuellen Wünschen gebaut werden, von 10 000 bis 70 000 Euro, sagt Tews. Die meisten haben einen Aussenbordmotor, einige einen Elektromotor, der vor allem in Naturschutzgebieten wichtig ist.

Bei Tews stapeln sich die Aufträge. Er und seine Mitarbeiter kommen mit dem Bauen kaum hinterher. Bis zu sechs Angestellte sind für den Flossbau tätig. Sie müssen sich mit verschiedenen Materialien auskennen: Von Holz, das für die Beplankung und für die Hütte verwendet wird, über Aluminium, aus dem das Gerüst hergestellt wird, bis zu Plastik für die Pontons. Denn Tews hat ein neues System entwickelt, das aus rechteckigen, schwarzen Polyethylenkuben besteht. Diese werden unter einem System aus Aluminiumleisten montiert, was das Floss besser navigierbar macht. An der Form hat «Tom Sawyer» sich mittlerweile die Rechte gesichert.

Ein Floss mit Zelt

Konstruiert werden aber nicht nur Flösse, sondern man agiert gleichzeitig als Vermieter. An neun Standorten in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern lassen sich die schwimmenden Gefährte ausleihen. Die Ausstattung kann je nach Gusto gewählt werden.

Denn Flösse werden längst nicht mehr nur zum Herumschippern vermietet. Es gibt mittlerweile Saunaflösse, Flösse für Angler und sogar Musik-Flösse. Es lässt sich darauf grillen, Partys feiern und dazwischen im See schwimmen. Ist das Floss gross genug, kann man sogar ein Zelt darauf aufschlagen. In der uckermärkischen Stadt Lychen sticht jeden Sommer das «Musik-Floss» in den See, auf dem eine Band oder ein Streicherkombo sowie bis zu 80 Zuhörer Platz finden. «Flosstouren liegen voll im Trend», sagt Patrick Kastner von der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH. Und ergänzt: «Die Flösse kommen häufig etwas urwüchsiger daher als ihre schicken Verwandten, die Hausboote. Damit passen sie prima zur Brandenburger Landschaft und versprühen den Charme von Freiheit und Abenteuer.» Einen weiteren Trend beschreibt Anita Wittke vom Deutschen Tourismusverband: «Es kann beobachtet werden, dass die Grenze zwischen Floss und Hausboot zunehmend verschwimmt.» So könne ein Floss qualitativ hochwertig ausgestattet sein, sodass sein typischer Charakter kaum noch zu erkennen sei. Vom rudimentären Holzfloss bis zum motorbetriebenen Floss gibt es inzwischen eine grosse Vielfalt an Modellen.

Ein schwimmendes Auto

Tüftler Rainer Tews konstruierte vor Jahren als Gag einmal ein Floss, auf dem ein grüner, alter Renault montiert war. Auf dem Fahrersitz sitzt der jeweilige Kapitän und steuert das Floss mit dem Lenkrad. Die Gangschaltung hatte Tews durch den Gashebel ersetzt. Dieses Modell ist das meistfotografierte Floss der Firma. Es blieb allerdings ein Einzelstück.

Der Boom der Flösse wird unterstützt durch die gesetzliche Regelung, dass jeder ab 16 Jahren und mit nicht mehr als 0,5 Promille Alkohol im Blut ein Floss steuern darf. Die Geschwindigkeit dieses schwimmenden Fahrzeugs beträgt rund 10 Kilometer pro Stunde. «Diese Regelung wurde vor zwei Jahren auf Motoren bis zu 15 Pferdestärken erweitert», weiss Tews. Dadurch habe die Branche noch mehr Rückenwind bekommen.

Neulinge werden in die Kunst des Flosssteuerns eingewiesen und machen vor der Vermietung eine Probefahrt. Es ist jedoch nicht ganz einfach, ein grosses Floss bei Wind in eine enge Steganlage hineinzumanövrieren. «Trotzdem haben wir nur sehr wenig Schadenfälle, etwa ein bis zwei pro Jahr», sagt Tews.

Weitere Angaben zu den Charterstationen und den Miet-Flössen finden Sie unter: www.tomsawyer-tours.de