Herr Jäncke, gibt es ein Wunderkind-Gen?

Lutz Jäncke: Bislang ist noch keines entdeckt worden. Aber bei solchen aussergewöhnlichen Kindern muss vermutlich eine besondere Form von Hirnanatomie vorliegen.

Was passiert eigentlich im Gehirn eines Wunderkindes?

Das Ausmass an Intelligenz hängt zusammen mit dem Grad der Vernetzung bestimmter Hirngebiete. Ein aussermusikalisches Beispiel: Kinder, die ihren Mathe-Unterricht zu besseren Leistungen verarbeiten, kann man voraussagen. Nicht durch den Bildungshintergrund oder die Intelligenz. Sondern durch eine anatomische Verbindung zwischen Hirngebieten, die für Gedächtnis und für Aufmerksamkeit verantwortlich sind.

Sind solche Verbindungen bei Wunderkindern extrem ausgeprägt?

Einerseits, aber alle Wunderkinder haben zwei Sachen gemeinsam: Sie haben früh angefangen und sehr viel trainiert. Ob Michael Jackson, ob Yehudi Menuhin: Kein Wunderkind ist vom Himmel gefallen.

Nicht mal ein Genie wie Mozart?

Er ist eines meiner Lieblingsbeispiele. Sein Vater war der berühmteste Pädagoge der Zeit. Und, ich sage das mal so: Er hatte eine Geschäftsidee. Wenn Sie heute machen würden, was Leopold Mozart damals mit Wolfgang gemacht hat, würden Sie wegen Kindsmisshandlung in den Knast kommen.

Manche werden also unfreiwillig zum Wunderkind. Es gibt aber auch Kinder, die das wollen.

Anne-Sophie Mutter ist so ein Fall. Wobei das Phänomen, früh immer dasselbe machen zu wollen, häufig bei Savants oder bei Grenzfällen von Autismus anzutreffen ist. Damit tue ich Anne-Sophie Mutter natürlich Unrecht. Aber die intrinsische Selektion auf etwas Solitäres ist untypisch für uns Menschen. Weil wir uns breit orientieren müssen, um im Alltag zurechtzukommen. Darum werden gewisse Kinder fast mit der Peitsche dazu gezwungen, zu üben. Stars wie Lang Lang und David Garrett haben das in ihren Biografien kritisch geäussert.

Wären diese Begabungen ohne Drill verkümmert?

Ein persönliches Beispiel: Ich bin möglicherweise ein verkapptes Musik-Genie. Wir haben Anfang der 90er-Jahre am Kernspintomographen bei Musikern mit absolutem Gehör linksseitig ein viermal grösseres auditorisches Zentrum festgestellt als bei nicht absolut Hörenden. Und per Zufall entdeckte mein Kollege, dass ich das grösste linksseitige auditorische Zentrum habe, das er jemals gemessen hatte. Das Rätsel war: Warum hat der Jäncke kein absolutes Gehör? Gemäss unserer These hatte ich zwar die Veranlagung, aber diese nie ausgebildet. Weil ich mit fünf bis sieben Jahren keinen Kontakt mit Musik hatte.

Ein anatomischer Anhaltspunkt für ein Musikgenie ist also das auditorische Zentrum. Gibt es andere?

Fakt ist: Jedes Hirngebiet, das in die Musikkontrolle eingebunden ist, ist bei Musikern auffällig, aber jeweils anders ausgebildet. Bei Pianisten betrifft das die Motor-Areale, die beide Hände kontrollieren, links wie rechts. Bei Geigern ist das Motor-Areal nur auf der rechten Seite stark ausgebildet, auf der linken Seite aber das Arm-Areal. Bei Tänzern ist die Repräsentation der Zehen ausgeprägt, dies ergab unsere Untersuchung des Spoerli-Balletts.

Wie aussagekräftig sind solche Messungen?

Sie werden staunen. Man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit anhand anatomischer Besonderheiten erkennen, ob man das Gehirn eines Geigers, eines Pianisten oder Sängers vor sich hat. Wir wissen auch, dass diese anatomischen Besonderheiten abhängig sind von der Häufigkeit des Übens – dies sogar auf dem Niveau von Weltklassepianisten.

Bei einem sechsjährigen Wunderkind, das noch nicht so lange übt, würden Sie demnach wenig erkennen?

Das ist genau unsere Frage. Ich würde liebend gerne mal eines dieser Wunderkinder in den Scanner stecken. Geschafft habe ich das noch nie, weil die Eltern es oft nicht wollen. Der Punkt ist: Die Kinder bringen anatomische Voraussetzungen mit. Wir haben zudem Entwicklungsfähigkeit, genannt «Plastizität». Bei absolut Hörenden würde ich vermuten, dass das Niveau, auf dem sich diese entfaltet, bereits höher ist. Wenn sie drei Jahre trainieren, ist das Areal noch grösser geworden.

Gibt es Forschung dazu?

Eines unserer kommenden Forschungsprojekte ist, die Wiener Sängerknaben im Fünf-Jahres-Längsschnitt zu untersuchen: Was sind die anatomischen Voraussetzungen, die jemanden zum Top-Sänger werden lassen? Wir werden versuchen, das Talent wissenschaftlich herauszukitzeln. Das gab es weltweit noch nie.

Lesen Sie hier den Artikel zu den Wunderkindern.