Freitagnachmittag auf einem Spielplatz im hippen Zürcher Stadtkreis Wiedikon: Auf dem Piratenschiff hangeln Jungs in Kapuzenpullis und Sneakers die Strickleiter hoch, Mädchen in Animal-Print-Röcken jagen hinterher. Klein Emma und Klein Paul wuseln von der Schaukel zum Sandkasten, wo sich Mia und Liam mit dem Schüfeli gegenseitig Sand in die Augen katapultieren.

Dazwischen plaudern, ermuntern, schimpfen und trösten – Mütter. Junge Mamas, ältere Mütter, Schweizer, deutsche, schwedische, französische, russische Mütter. «Mami!», «Mom!», «Mor!» «Maman!» und «Mat!» schreit, lacht und quengelt es kreuz und quer durch die Szenerie. Väter stehen so spärlich in der Kulisse, als hätte Pro Specie Rara sich ihrer erbarmt.
Zufall? Nein. Der Geschlechterschlüssel auf dem Zürcher Spielplatz ist täglich derselbe. 1 zu 10 zugunsten der Mamas. Die Väter fehlen. Auch am Freitag. Ausgerechnet am Freitag, dem bevorzugten «Papatag». Vermutlich sorgen die Väter auch heute fürs Einkommen.

Seit 20 Jahren weht der «Neue Vater» gleichsam als Zielfahne egalitärer Partnerschaft, hochgehalten von Gleichstellungsbüros, Medien, Sozial- und Genderforschung. Auf der Agenda des modernen Papas sollte auch Teilzeitarbeit stehen, um mehr Puste für die Familie zu haben. Stattdessen arbeiten die meisten Väter Vollzeit – und wollen ihr Pensum auch gar nicht zugunsten der Familie reduzieren.

Dies zeigt eine im letzten Herbst veröffentlichte Studie der Forschungsstelle Sotomo zum Thema «Wunsch und Wirklichkeit». Der Politgeograf Michael Hermann wollte von 16 600 Schweizerinnen und Schweizern wissen, wie sie sich im Spannungsfeld von Familie und Beruf bewegen. Dabei stellte er fest, dass 87 Prozent aller Väter Vollzeit erwerbstätig sind. Bei den gleichaltrigen Männern ohne Kinder sind es nur acht von zehn.

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Dass sich das Arbeitspensum bei den Männern erhöht, sobald Kinder da sind, zeigten schon frühere Studien. Neu und verblüffend ist, dass viele Väter ihr Pensum gar nicht kürzen wollen.
Jetzt sitzt Michael Hermann auf einem Vintage-Sofa im Café des Amis in Zürich, draussen schaukeln – ausschliesslich – Mamas ihre Kinderwagen und nippen an Lattes. Dann ist die Familie der männlichen Hälfte der Bevölkerung also gar nicht so wichtig?

Eingeimpftes Ideal

«Falsch!», sagt Michael Hermann. Die meisten jungen Männer wünschen sich Familie und knapp die Hälfte stellt die geplante Familie über die berufliche Karriere. «Aber ist der Nachwuchs erst einmal da», schiebt der Forscher nüchtern nach, «setzen die Männer die Prioritäten eben anders.» Zwar hebt eine Umfrage von Pro Familia aus dem Jahr 2011 hervor, dass 9 von 10 Männern Teilzeit arbeiten möchten. Und diese Zahl wurde in den letzten Jahren medial auch wie ein Mantra nachgebetet. Doch kann sie angesichts der hohen Vollzeitarbeit von Vätern wirklich stimmen? Oder widerspiegelt die Studie blosse Lippenbekenntnisse?

Michael Hermann zögert: «Auch in unserer Studie sagen Männer, dass es toll wäre, mehr Zeit für die Familie zu haben. Aber sich so zu äussern, wird von ihnen heute erwartet.»

Michael Hermann spricht von einem «Ideal, das den Männern gesellschaftlich eingeimpft wurde». Diese äussern sich rhetorisch zwar modern; ernsthafte Absichten, das Vollzeitpensum zu reduzieren, sind aber nicht auszumachen. Nur 18 Prozent der Väter im Alter zwischen 35 und 54 Jahren erachten laut Hermanns Studie Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten als wichtig. Nicht einmal 2 von 10 Vätern – eine Schrumpfmenge.

Väter wollen Erfolg

Auch die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) kippen kein Wasser auf die Mühlen des «Neuen Vaters»: Der Anteil der Teilzeitler ist in etwa so zaghaft gewachsen wie Bergpflänzchen nach einem harten Winter, von 7,3 Prozent im Jahre 2010 auf 10,9 Prozent im Jahre 2015.
Ist also der «Neue Mann» ein Konstrukt, das die Realität aussen vor lässt? Wollen Männer noch immer lieber Jagen und Tiere erlegen? «Nein», sagt Jürg Wiler (56), «aber viele Väter sind hin- und hergerissen». Jürg Wiler ist so etwas wie der Schweizer Vorzeige-Teilzeitmann. Der Vater zweier fast erwachsener Kinder arbeitet seit 26 Jahren Teilzeit und setzte sich unermüdlich für ein egalitäres Rollenmodell ein. In Kursen, firmeninternen Weiterbildungen und unzähligen Gesprächen für sein Buch «Der Teilzeitmann» nahm er sich Hunderte von Männern zur Brust, sprach ihnen Mut zu, die traditionelle Ernährerrolle aufzubrechen und ihr Pensum zugunsten der Familienarbeit zu reduzieren.

Was also läuft schief in der Bemühung, mehr Männer zu Teilzeit zu bewegen? Jürg Wiler ortet die Zögerlichkeit darin, dass Karriere, Geld und Identifikation über den Job für Männer noch immer Virilität verkörpere. Der Stolz, eine Familie ernähren zu können, setzt genauso Kräfte frei, wie die Angst vor Statusverlust lähmen kann: «Es ist ein anderes Männlichkeitsgefühl, ob man mit den Kindern am Sandkasten sitzt oder abends im Anzug zur Firma hinausläuft», verbildlicht Jürg Wiler die Befindlichkeit vieler Männer. «Väter wollen Erfolg und Bestätigung – das erhalten sie vom Arbeitgeber und kaum von den Kindern.» Einerseits.

Jobsharing, Kita & Co

Andererseits übernähmen junge Männer heute sehr viel mehr familiäre Verantwortung und entdeckten den Wert, eigene Kinder im Alltag zu begleiten. Es sei eine Generationenfrage, bis Teilzeit für Väter selbstverständlicher werde: «Im Moment haben in den Unternehmen noch die 60 plus das Sagen, für die meisten ist Teilzeit für männliche Mitarbeitende des Teufels. Doch das ändert sich bald.»

Zementiert wird das konservative Rollenmodell sicher auch strukturell: Hierzulande gehören 99 Prozent aller Firmen zu den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), diese stellen zwei Drittel der Arbeitsplätze. Kleinere Betriebe fühlen sich von der Forderung nach Teilzeitstellen bedroht: «Väter, die um Punkt 17 Uhr nach Hause oder zur Krippe abhauen? Geht bei mir gar nicht», schreibt der Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens gar grantig in einem Forum.

Roland Rupp vom Schweizerischen KMU-Verband erläutert: «Zwei Teilzeitpensen statt eines Vollzeitpensums bedeuten für den Arbeitgeber mehr Arbeit und höhere Kosten.» Doppelter Personalaufwand, doppelte Administration, doppelte Kommunikation – das geht ins Geld.
Grosskonzerne hingegen investierten in den vergangenen Jahren – auch zwecks Image – viel in die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Sie bieten Vätern (und Müttern) eine Reihe an Entlastungsmöglichkeiten: Vaterschaftsurlaub, Teilzeit auch für Kader, Jobsharing, Homeoffice, Kitas.

Die Männer aber, so scheint es, übersehen das Teilzeitangebot geflissentlich. Laut einer Recherche der «Handelszeitung» arbeiten bei der UBS 8 Prozent, bei Roche 5 Prozent, bei Julius Bär 4 Prozent, bei Nestlé Schweiz 1,8 Prozent der Männer Teilzeit. Bei Adecco sind bei 32 000 Angestellten alle Männer Vollzeit angestellt.

Paternalistisches Rollenbild

Die Schuld für das Festhalten an konservativen Strukturen allein den Arbeitgebern zuzuschieben, wäre also unfair. Es sind die Väter, die sich gegen Teilzeitarbeit entscheiden. Aber weshalb? Wagen sie es nicht, nach einer Reduzierung des Pensums zu fragen? Haben sie Angst, die Karriere zu vermasseln? Fehlen die Vorbilder? Oder hat man als Mann noch immer Beschützer und Ernährer zu sein?

Die paternalistischen Rollenbilder stecken tief in den Köpfen. Aber nicht nur in jenen der Männer. Denn auch die Frauen bleiben gerne an alten Rollenmustern haften. Und schwindeln sich mitunter etwas vor: Zwar stieg die Teilzeitquote der Mütter deutlich, doch die Gründe, die dafür vorgebracht werden, widerspiegeln oft Halbherzigkeit.

Denn die einen wollen «mit einem Fuss in der Arbeitswelt bleiben, um später wieder aufzustocken», die anderen «bei einer allfälligen Trennung nicht mit abgesägten Hosen dastehen». Zwar arbeiten laut BFS in der Schweiz mittlerweile zwei Drittel der Mütter Teilzeit – generieren mit den kleinen Pensen aber bloss 24 Prozent des Haushalteinkommens.

Damit mangelt es für junge Mütter an Vorbildern, an Frauen, welche die Verantwortung für das Familieneinkommen zumindest partnerschaftlich mittragen. Womöglich aber empfinden viele Eltern das traditionelle Rollenmodell gar nicht als Hindernis, das es zu überwinden gilt. So fühlen sich viele Väter wohl in ihrer Rolle als (Fast-)Alleinernährer. Sie lassen sich nicht einschüchtern von gesellschaftlichen Erwartungen und Idealen. Und sie vermögen das Bild von neuer Männlichkeit, zu der längst auch Engagement und Fürsorglichkeit für die Familie gehören, gut zu vereinbaren mit einem Vollzeitjob.