In vielen Büros, wo junge Städter Grafiken entwerfen oder sich Werbesprüche ausdenken, stehen diese schlichten Velos, die man «Fixies» nennt. Sie haben keine Bremsen, dafür einen Starrlauf. Die Pedale drehen also immer mit. Bremsen kann man nur, indem man mit den Füssen Gegendruck gibt. Fixie-Velos sind nicht für die Strasse gedacht. Sie gehören in die Rennbahn, wo es keine Lichtsignale und auch keine entgegenkommenden Autos gibt. Die Grafiker und Werber kommen denn auch vielfach mit der Vespa. Das Fixie-Velo ist nur Dekoration.

Das Deko-Fixie steht symbolisch für das Verhältnis der Schweiz zum Velo. In den Köpfen surren längst die Kugellager, auf der Strasse brummt immer noch der Autoverkehr. Gelegenheit, dies zu beobachten, ergibt sich am 23. September. Der Bundesbeschluss über die Velowege gilt als so gut wie angenommen. Alle grossen Parteien mit Ausnahme der SVP sind dafür. Wer kann denn schon dagegen sein, dass der Bund die Grundsätze über ein Velowegnetz festlegt und die Kantone beim Bauen und Bewerben von Radwegen unterstützen kann. «Kann», schwammiger geht es nicht. Direkte Konsequenzen hat ein Ja zur Vorlage darum kaum. Der Bund rechnet mit Kosten von lediglich 1,8 Millionen Franken. Würde man mit diesem Geld einen neuen Veloweg bauen, würde er vom Bundeshaus bis zum Stade de Suisse reichen. Die Velowege bezahlen müssen ohnehin Kantone und Gemeinden.

Ein Volk von Autofahrern

Der Bundesbeschluss zu den Velowegen ist vor allem Symbolpolitik. Der eine oder andere Befürworter dürfte seinen Stimmzettel denn auch mit dem Auto ins Stimmlokal transportieren. Das legt die Statistik nahe. Fast zwei Drittel der täglichen Pendler- und Freizeitwege werden mit dem Auto zurückgelegt. Auch der Trend geht Richtung Auto. Während die Strecke, die pro Person und Tag durchschnittlich im Auto gefahren wird, zwischen 1994 und 2015 um drei Kilometer zunahm, stagnierte die Velostrecke bei 900 Metern. Offenbar konnte also nicht einmal das Aufkommen des E-Bikes eine nennenswerte Zahl zum Umsteigen aufs Velo bewegen. Immerhin nimmt der Veloverkehr in den grossen Städten zu.

Die Befürworter der Vorlage argumentieren, dass Radwege das Velofahren sicherer machen. Fest steht, dass das Velofahren in den letzten Jahren nicht sicherer wurde. Die Zahl der Unfälle nimmt zu. Letztes Jahr war bei 4481 Unfällen ein Fahrrad involviert. Vor zehn Jahren waren es rund tausend Velounfälle weniger. Die Zahl der schweren Velounfälle stagniert. Gleichzeitig verunglücken immer mehr Menschen schwer, die mit einem Velo mit Elektromotor (E-Bike) unterwegs sind. Dreissig Velofahrer und sieben E-Biker liessen letztes Jahr auf Schweizer Strassen ihr Leben.

Ein Ja zur Velovorlage ändert daran nur wenig. Denn die Velowege müssen in den Kantonen und Gemeinden bewilligt und gebaut werden. Und dort ist die politische Bilanz der Velolobby durchzogen. Basel gilt als velofreundlichste Stadt der Schweiz. 17 Prozent ihrer Wege legen die Basler mit dem Velo zurück. Die rot-grüne Regierung wollte mit einem durchgehenden Veloring Wohnquartiere, Bahnhöfe, Schulen und Firmen miteinander verbinden. Bürgerliche Parteien und Wirtschaftsverbände ergriffen dagegen das Referendum. Und siehe da: Die veloverrückten Basler warfen das 25-Millionen-Franken-Projekt letztes Jahr mit wuchtigen 58 Prozent aus dem Sattel. In Zürich weigerte sich Filippo Leutenegger (FDP), die Veloträume seiner rot-grünen Stadtratskollegen zu erfüllen, und wurde darum nach den letzten Wahlen aus dem Tiefbauamt entfernt. In Luzern scheiterte eine Veloinitiative 2011.

Vorbild Kopenhagen

Weltweites Vorbild in Sachen Veloverkehr ist Kopenhagen. Durch die Hauptstadt der Dänen ziehen sich Velowege, die mit ihren Schweizer Pendants nur den Namen gemeinsam haben. Das Tempo ist mindestens doppelt so hoch und wenn sich ein Fussgänger auf den Streifen verirrt, wird er angeschrien.

Nach dem Vorbild der dänischen Velometropole berechnen Verkehrsplaner alle zwei Jahre den Kopenhagisierungs-Index. Letztes Jahr hat es selbst die Autostadt München auf den 15. Platz gebracht. Schweizer Städte können davon nur träumen. Sie schafften es in den vier bisherigen Erhebungen nie in die ersten zwanzig.

Berechnet wird der Index von der hippen Copenhagenize Design Company. Sollte Basel oder Zürich dereinst den Sprung auf die Liste schaffen, würden es die Zürcher Designer bestimmt über Instagram erfahren. Dann würden sie die Vespa stehen lassen und mit ihrem Fixie geräuschlos zwischen Elektrovelos und Damenrädern verschwinden.