Kreativer, interaktiver und intellektuell anspruchsvoller: Das ist die neue digitalisierte Arbeitswelt. Mit ihr verbessert sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, weil Arbeits- und Wohnort verschmelzen. Zu den Gewinnern gehören aber auch Verkehrs-, Regional- und Umweltpolitik. Die Unternehmen müssen nicht mehr zwingend in den Ballungszentren ansässig sein, was den Pendlerverkehr reduziert. Davon profitieren sowohl die Innenstädte wie die Randregionen.

So beschreibt die CVP die schöne neue digitalisierte Arbeitswelt und ihre Chancen für Menschen und Gesellschaft in einem Entwurf zu einem Positionspapier «Arbeitswelt 4.0». Die CVP schreibt darin, die Digitalisierung ermögliche eine «Demokratisierung der Selbstständigkeit». «Die neue Freiheit der Menschen ist die ganz grosse Chance der Digitalisierung», sagt CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt. «Wir können damit die Präsenzkultur durchbrechen, die ein problematisches Phänomen der Arbeitssituation in der Schweiz darstellt.»

Knapp ein Jahr vor den Wahlen machen mit CVP, aber auch SP zwei Bundesratsparteien die digitalisierte Arbeitswelt zum Thema. Die CVP zeigt in ihrem Papier die Chancen auf, die es zu nutzen gilt. Gleichzeitig thematisiert die Partei aber auch Gefahren, die minimiert werden müssten.

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Die SP wiederum will die Arbeit gerechter verteilen und die Arbeitszeit schrittweise auf 40 und 35 Stunden senken, bei vollem Lohnausgleich. Und CVP wie SP betonen die Bedeutung von Weiterbildung.

Ein brisanter Zeitpunkt

Der Zeitpunkt für neue Konzepte zur Arbeitswelt 4.0 ist politisch brisant. Eben erst haben die Gewerkschaften einen Boykott der innenpolitischen Gespräche zu den flankierenden Massnahmen erklärt. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hatte sie ins Leben gerufen, um Zugeständnisse auszuloten, welche die EU für das Rahmenabkommen fordert.

Eine neue Studie bietet eine zusätzliche Erklärung für das unerbittliche Verhalten der Gewerkschaften. Sie heisst «Zukunft des sozialen Dialogs vor dem Hintergrund der Digitalisierung der Wirtschaft» und wurde von den Sozialpartnern und vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gemeinsam in Auftrag gegeben. Die Studie regt an, dass die Schweiz zusätzliche Meldepflichten prüfen soll, analog zu jener mit der 8-Tage-Regel beim Entsendegesetz mit der EU.

So könnte eine Meldepflicht für Schweizer Arbeitgeber vorgesehen werden, die Aufgaben ins Ausland auslagern. Oder für im Ausland ansässige Arbeitgeber, die Personen in der Schweiz ohne Entsendung beschäftigen. Das wären Instrumente, «um auf grenzüberschreitende Auswirkungen der Digitalisierung in der Arbeitswelt zu reagieren», heisst es in der Studie, die Anne Meier (Juristin), Kurt Pärli (Professor für soziales Privatrecht an der Uni Basel) und Zoé Seiler (Juristin) im Juni veröffentlicht haben.

Die Risiken der digitalisierten Arbeitswelt thematisiert auch die CVP. Müller-Altermatt sieht eine neue Bruchlinie. «Früher gab es vor allem die Kontroverse zwischen liberalem und sozial geschütztem Arbeitsmarkt», sagt er. Die gibt es zwar noch immer. Vor allem die FDP, aber auch die SVP wollen das Arbeitsgesetz liberalisieren.

«Heute müssen wir jedoch vor allem verhindern, dass unser gesamtes Arbeits- und Sozialsystem grundsätzlich unterwandert wird», sagt Müller-Altermatt. Das zeigt sich für ihn vor allem bei den digitalen Plattformen, die wie Pilze aus dem Boden schiessen. Sie bestehen aus Endkunde, Plattform und Dienstleistungserbringer. Als Dienstleistungsvermittler sehen sich etwa Plattformen wie Uber (Fahrgelegenheiten) oder TaskRabbit (Dienstleistungen jeglicher Art). Digitale Jobbörsen wiederum bieten Plattformbeschäftigungen an, in der Wissenschaft «Crowdsourcing« oder «Crowdwork» genannt. Wie etwa Mechanical Turk von Amazon, die deutsche Agentur Clickworker oder die globale Mega-Plattform Upwork für Freelancer.

Für die CVP ist klar, dass Plattformarbeiter besser geschützt werden müssen. Als Freelancer haben sie keinen Kündigungs- oder Sozialversicherungsschutz, sind nicht automatisch gegen Arbeitslosigkeit und Unfall versichert und nicht verpflichtet, Geld in die Pensionskasse einzuzahlen. «Wir müssen heute auch die Arbeitgeber schützen, die unser System mit den Sozialausgaben noch tragen», sagt Müller-Altermatt. Die Plattformen seien aber «ganz schwer zu regulieren».

Deshalb sucht er das Gespräch mit der Uber Switzerland GmbH. Bei Uber stellt sich die Grundsatzfrage am drängendsten, ob ihre Fahrer Arbeitnehmer oder Selbstständige sind. «Ich will mit Uber eine Lösung finden», sagt Müller-Altermatt. Für ihn ist eine Charta denkbar, wie sie Frankreichs Präsident Macron schloss: Uber zahlt den Fahrern Unfallversicherung, Beiträge für die zweite Säule und Weiterbildung, wird aber nicht als Arbeitgeberin eingestuft. «Dieses Modell ist interessant», sagt er. Frankreich zeige, dass sich Flexibilität und sozialer Schutz nicht ausschlössen, sagt Andreas Hinterberger von Uber Schweiz. «Wir müssen geeignete Lösungen finden, um den Selbständigen die Vorteile ihrer Unabhängigkeit zu ermöglichen und ihnen gleichzeitig einen besseren Schutz zu bieten.»

Das Beispiel der Buchungsplattform Booking.com zeigt, wie schwierig Regulierungen sind. 2016 forderte CVP-Ständerat Pirmin Bischof ein Verbot für Knebelverträge der Plattform mit der Hotellerie. National- wie Ständerat überwiesen die Motion. Bisher geschah aber wenig. «Ich bin sehr besorgt über das Vorgehen der Verwaltung und erwarte von Wirtschaftsminister Schneider-Ammann ein Machtwort», sagt Bischof. Der Bundesrat habe die Motion «zügig» über Kartellrecht umzusetzen. Das Problem dränge, da alle vier Nachbarländer die Knebelverträge verboten hätten. «Wir arbeiten daran, Gesetzesänderungen für das Parlament vorzubereiten», heisst es beim Seco. «Die Arbeiten laufen mit Hochdruck und der Bundesrat gedenkt, das Anliegen in der gesetzlichen Frist von 2 Jahren zu erfüllen.»

Der Fall Booking.com zeigt exemplarisch: Regulierungen der Politik halten nicht Schritt mit dem Tempo der Veränderung in der Arbeitswelt 4.0.