Arvenduft erfüllt das Eckbüro im Schloss Planta-Wildenberg im Bündner Bergdorf Zernez. Der Raum ist komplett in Holz gefasst, neben dem Schreibtisch steht ein Kachelofen. Viel schöner kann ein Arbeitsplatz kaum sein. Heinrich Haller (64) arbeitet seit 22 Jahren hier als Nationalparkdirektor. Kommendes Jahr wird er pensioniert, die Suche nach einem Nachfolger läuft auf Hochtouren. Noch aber sitzt der Wildtierbiologe fest im Sessel.

Wie hat der Nationalpark den  Hitzesommer überstanden?

Heinrich Haller: Die Mischung von ausgetrockneten Böden und teils starken Gewittern war verheerend. Der Untergrund im Nationalpark ist bröcklig, entsprechend hatten wir mit Murgängen sowie mit weggeschwemmten Wanderwegen und Brücken zu kämpfen. Der Nationalpark ist allerdings  genau dafür da, die Dynamik der Natur unbeeinflusst von uns Menschen zuzulassen. Die Aufräumarbeiten rund um die Wanderwege haben uns aber andauernd auf Trab gehalten.

Wie gehts dem Schweizerischen Nationalpark allgemein? Letztes Jahr machte er ja primär mit der chemischen Verschmutzung des Wildbachs Spöl Schlagzeilen.

Diese Vergiftung ist besorgniserregend. Zurückzuführen ist sie auf PCBs, die in den 60er-Jahren beim Bau der Staumauer Punt dal Gall verwendet worden waren. Seither wird der Spöl zur Energiegewinnung genutzt. Die Vergiftung beeinflusst die Natur im Nationalpark aber nicht grundsätzlich. Dem Park geht es gut. Dabei darf man nicht vergessen: Nationalparks gibts nur, weil bestimmte Landschaften gefährdet sind. Das verleiht ihnen eine spezielle Aura. Dass es sie überhaupt braucht, ist an sich aber ein besorgniserregendes Zeichen.

Nächstes Jahr werden Sie nach 23 Jahren als Nationalpark-Direktor pensioniert. Wieso haben Sie sich damals für den Job beworben?

Der Nationalpark war für mich schon als Jugendlicher ein Paradies. Hier zu arbeiten – und erst noch als Direktor –, war immer ein Traum. Ich war mir aber stets bewusst, dass die eigentliche Macht im Park bei der Natur liegt. Das ist auch gut so!

Wie hat sich der Park in Ihrer Zeit als Direktor verändert?

Bezüglich Infrastruktur ist einiges geschehen, zum Beispiel die Eröffnung des Besucherzentrums 2008. Die Natur im Nationalpark ist indes an vielen  Orten erstaunlich stabil. Wir haben im Nationalpark zum Beispiel eine der weltweit bestuntersuchten Weideflächen. Seit 100 Jahren untersucht man diese Lichtung. Die Gründer des Nationalparks dachten, dass sie schnell einem Wald weichen würde, wenn der Mensch nicht mehr eingreift. Passiert ist bisher wenig. Experten gehen davon aus, es dauere noch einmal 500 Jahre, bis dort Bäume stehen.

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Und der Klimawandel, ist der im Park nicht spürbar?

Doch. Die Waldgrenze ist im Begriff, anzusteigen, die Eisgletscher sind im Verlauf der letzten 100 Jahre verschwunden, der Lebensraum bestimmter Tiere ist kleiner geworden. Die Schneehühner etwa verlagern sich in die Höhe. Sie werden heute im Schnitt 100 Meter weiter oben gesichtet als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Was war Ihr grösster Erfolg als  Nationalparkdirektor?

Der Park ist extrem gut geschützt. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) verlieh ihm das höchstmögliche Label, die  Kategorie 1a. Der Schweizerische Nationalpark ist damit weltweit sehr bedeutend und wertvoll. Das ist eine Errungenschaft, die wir über die vergangenen zwei Jahrzehnte ohne Abstriche aufrechterhalten konnten.

Niederlagen gabs auch?

Natürlich. Gerne hätten wir um die  bisherige Nationalparkfläche eine Umgebungszone mit nachhaltiger Nutzung eingerichtet, doch dies ist nicht gelungen. Allerdings wird diese Funktion heute zu Teilen vom Biosphärenreservat Engiadina Val Müstair erfüllt.

Auch die Schaffung eines zweiten  Nationalparks misslang. 2016 lehnten die Bündner und Tessiner Gemeinden die Einrichtung des Parc Adula als Nationalpark ab, 2018 sagten die Tessiner Nein zum Nationalpark Locarnese. Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Ich war und bin nach wie vor sehr enttäuscht. Beim Nationalpark Locarnese hatte ich ein gutes Gefühl. Das war ein überschaubares Projekt, von langer Hand vorbereitet, sehr partizipativ, und trotzdem hat es deutlich nicht gereicht. Sechs von acht Gemeinden sagten Nein. Das ist schade. Die Schweiz hätte mehr als einen Nationalpark verdient. In den Alpen gibt es 13 Nationalparks, und ausgerechnet die Schweiz, die sich als Alpenland par excellence versteht und sich in vielen Belangen als Musterknabe sieht, hat nur einen Ort, an dem die heimatliche Natur integral geschützt ist. Zudem ist das Gebiet im heutigen Nationalpark alles andere als repräsentativ für den Schweizer Alpenraum.

Tragen Sie als Nationalparkdirektor eine Mitschuld an dieser Absage?

Nein. Insbesondere das Projekt Locarnese war mustergültig aufgegleist. Wir haben das Projekt ideell natürlich unterstützt. Aber es wäre völlig falsch  gewesen, da in irgendeiner Form einzugreifen und den Tessinern zu sagen: So müsst ihrs machen.

In der Schweiz sind gerade mal 0,4 Prozent der Fläche Nationalparkland. In Deutschland sinds 2,7, in Italien 5,0, in Frankreich sogar 9,5 Prozent. Wo sähen Sie denn weitere Nationalparkstandorte?

Nationalparks könnte ich mir nicht nur in den Alpen, sondern auch im Jura oder selbst im Mittelland vorstellen. Den Aargau etwa darf man bezüglich der Fluss- und Auenlandschaften nicht unterschätzen. Da hat er grosse Qualitäten.

Ein Nationalpark im Aargau? Wo denn konkret?

Es ist nicht meine Aufgabe als Nationalparkdirektor, Vorschläge zu machen. Die Initiative muss aus der Bevölkerung kommen. Ich frage mich allerdings, wie gerechtfertigt es ist, die Standortgemeinden allein über einen neuen Nationalpark abstimmen zu lassen. Schliesslich geht es um eine Sache von nationalem Interesse. Die Neat wäre wohl auch nicht zustande gekommen, wenn man nur die Gemeinden am Nord- und am Südportal hätte abstimmen lassen. Zudem finde ich, man sollte über zusätzliche finanzielle Anreize für potenzielle Nationalpark-Regionen nachdenken. Aber zurück zur Ausgangsfrage: Entscheidend ist oft weniger die Natur, die kann man in aller Regel zurückholen. Entscheidend sind die Menschen. Die Bedenken, die man im Zusammenhang mit Naturschutz hat, dürfen die Chancen, die man darin erkennt, nicht übersteigen. Und die Chancen – etwa das touristische Potenzial – sind erheblich.

Verursacht werden die Bedenken von den teils strengen Bestimmungen: keine Schneeschuhtouren, bauliche Beschränkungen, Fischerei-Verbote. Könnte man nicht einfach die Bestimmungen lockern?

Die Nationalparks der neuen Generation unterliegen den Bestimmungen des Bundesgesetzes für den Natur- und Heimatschutz (NHG). Diese sind etwas weniger streng als jene, die für unseren Nationalpark gelten, dem ja ein eigenes Gesetz zugrunde liegt. Eine Lockerung ist aber nicht opportun, weil ein solcher Park international nicht mehr als Nationalpark anerkannt werden könnte. Wir wollen doch keinen Etikettenschwindel betreiben.

Am Puls der Natur. Nationalpark und Direktor im Spannungsfeld zwischen Forschung, Management und Politik Haupt-Verlag, Vernissage 31. Oktober, Schloss Planta-Wildenberg, Zernez.

Wie lange dauert es, bis der zweite Nationalpark kommt?

Wir brauchen jetzt meines Erachtens erst mal eine Kunstpause, um die  Entscheide zu verdauen. Alternativ oder ergänzend zu einem zweiten  Nationalpark könnte man dem Bedürfnis nach Wildnis auch auf anderer Ebene begegnen. Wir haben grosse Räume auf der Alpensüdseite, in denen immer weniger Menschen leben und wirtschaften und die von selbst verwildern. Ein klares Bekenntnis wäre nötig, keine neu- en Strassen, Seilbahnen und Heli-Lande- plätze zu bauen. Das gäbe der Natur Entwicklungschancen, auch ohne Parklabel.

Schätzt die Schweizer Bevölkerung die Wildnis zu wenig?

Das könnte sein. Man findet die Wildnis zwar faszinierend. Aber ich habe den Verdacht, dass der Schweizer die Wildnis eigentlich nur in anderen Ländern erleben will. Die Nationalparks in Nordamerika etwa sind sehr beliebt. Hierzulande stelle ich einen Graben fest. Die urbane Bevölkerung schätzt die Wildnis, die rurale weniger. Die hat der Natur durch harte Arbeit ihre Existenz abgerungen. Dass man das jetzt wieder rückgängig machen will, wird mancherorts nicht verstanden. Aber wir leben in sich verändernden Zeiten. Früher hat man auch Flüsse begradigt, heute renaturiert man sie wieder.

Früher hat man den Wolf gejagt, heute ist er geschützt. Gerade im August gabs wieder Junge im Calanda-Rudel. Mancher Hirte und Bergbauer fühlt sich bedroht.

Der Wolf wird zu Unrecht verteufelt. Jetzt wollen Bundesparlamentarier ja sogar den Schutzstatus des Wolfs herabmindern. Aus meiner Sicht ist das falsch, weil es wildbiologisch nicht begründet ist. Die Wolfsweibchen, die sich in der Schweiz fortpflanzen, kann man an einer Hand abzählen. Der Wolf vermehrt sich nicht so stark, wie man das gemeinhin kolportiert. Wir müssen dem Wolf mehr Zeit und mehr Raum geben. Es ist wichtig, dass er sich weiter ausbreiten und zu einer stabilen  Population finden kann. Während  Jahrtausenden hat der Mensch in den Alpen mit dem Wolf koexistiert. Das muss gerade heute, wo die Bauern staatliche Fördermittel erhalten und im Herdenschutz unterstütz werden, wieder möglich sein.

Haben Sie mal einen Wolf gesehen?

Ja, gerade vor drei Wochen auf einer Morgentour hier im Nationalpark. Es war fantastisch. Ich konnte das wunderschöne Tier sogar fotografieren. Es ziert jetzt meinen Bildschirmhintergrund. In einer Landschaft zu sein und zu wissen, dass Isegrim hier  irgendwo das Gelände durchstreift, ist aber auch ohne direkten Kontakt mit dem Wolf faszinierend. Mit ihm und den anderen Grossraubtieren kommt ein echtes Stück Natur zu uns zurück.

Apropos: Ein gut informierter  Kollege hat mir erzählt, der Nationalpark halte Bärensichtungen  unter Verschluss, um nicht unnötig für Aufregung und Regulierungs-Forderungen zu sorgen.

Das stimmt überhaupt nicht. Als ein Braunbär uns letztes Jahr in eine unserer Fotofallen tappte, haben wir die Bilder sofort ins Internet gestellt. Glauben Sie mir: Ich würde nie einen  Bärennachweis unterschlagen.

Gesichtet werden nicht nur Wölfe und Bären, sondern auch immer mehr Drohnen. 2017 schrieben Sie von einem «zunehmenden Problem». Haben die Leute den Respekt verloren?

Das glaube ich nicht. Neue technische Möglichkeiten haben immer ihren Reiz. Und den Luftraum zu erobern, das ist seit Ikarus der lang gehegte Wunsch des Menschen. Ich bin aber zuversichtlich, dass der Reiz dann bald mal wieder abebbt, wenn die Leute all die Drohnenbilder langsam leid sind. Was den Nationalpark betrifft: Es ist verboten, hier mit Drohnen rumzufliegen. Das wurde entsprechend kommuniziert, und seither  haben wir das Problem im Griff.

Vor zwei Jahren haben Sie ein Buch geschrieben über die Wilderei im  rätischen Dreiländereck, also im weiteren Bereich des Nationalparks. Sind Wilderer noch immer ein Problem?

Mit 17 habe ich zusammen mit einem Kollegen Wilderern im italienischen Grenzgebiet nachgestellt, und bis in meine Anfangszeiten als Nationalparkdirektor war die illegale Jagd auch hier ein Problem oder genauer gesagt ei- ne unerhörte Provokation. Wir haben Abschreckungsmassnahmen eingeleitet, zum Beispiel arbeiten wir eng mit der Kantonspolizei, der Grenzwache, dem Amt für Jagd und Fischerei und mit den italienischen Behörden zusammen. Das hat zu einer Verbesserung der Lage geführt. In den weiter südlich gelegenen Grenzregionen ist die Wilderei allerdings nach wie vor nicht passé.

Nicht passé ist auch der aus  Wanderer-Sicht mühsame Töff-Lärm von der Ofenpass-Strasse her, die mitten durch den Nationalpark führt. Das ist doch jammerschade.

Sehen Sie, wir haben schon alles probiert auf dieser Ebene. Aber die Ofenpassstrasse ist eine internationale Durchgangsstrasse, die Kompetenz liegt nicht bei uns. Als der Nationalpark 1914 gegründet wurde, fuhren nur Postkutschen durch. Bis 1925 waren Autos in Graubünden sowieso verboten. Diesen Zustand werden wir nicht mehr herbeiführen können. Dort, wo Wanderwege die Strasse queren, stellt diese ein Sicherheitsrisiko für Besuchende dar. Der  Kanton Graubünden hat während der Tourismus-Saison Tempobeschränkungen erlassen, mit dem Nebeneffekt, dass eine gewisse Beruhigung eingetreten ist.

2017 besuchten 120 000 Menschen den Nationalpark, drei Prozent weniger als 2016. Im Besucherzentrum waren es sieben Prozent  weniger. Woran liegt das?

Die Dauerausstellung im Besucherzentrum besteht seit zehn Jahren. Weil wir viele Mehrfachbesucher haben, ist ein Rückgang normal. Bis 2023 wollen wir das Besucherzentrum neu inszenieren. Die drei Prozent im Nationalpark selbst, das sind normale Schwankungen.

Andere touristische Angebote wie etwa die Grand Tour of Switzerland arbeiten gezielt mit Foto-Points, an denen man besonders schöne Selfies machen oder sich in aufgestellten Bildrahmen ablichten lassen kann. Im Zeitalter von  Instagram ist dieses Angebot sehr gefragt. Hat der Nationalpark da  einen Trend verpasst?

Nein. Diese Fotostopps sind ja tipptopp auf dieser Grand Tour oder vor der Jungfrau oder dem Matterhorn. Wir als Nationalpark setzen da auf mehr Individualität. Selfie-Spots sind in einem Wildnisgebiet nicht angebracht. Wir bemühen uns, ein richtiges, tiefgehendes Bild der Natur zu vermitteln. Oberflächlichkeit ist nicht unsere Sache. Da unterscheiden wir uns vielleicht von anderen touristischen Attraktionen.

Der Wanderherbst ist angebrochen. Gibt es einen Wandertipp des Nationalpark-Direktors für alle nebelgeplagten Mittelländer?

Fahren Sie mit dem öV nach Scuol, von da mit dem Postauto nach S-charl, dort übernachten Sie und starten am nächsten Morgen durch die zum Nationalpark gehörende Val Mingèr hinauf zur Sur il Foss. Dort schliesst ausserhalb des Nationalparks die eindrückliche Val  Plavna an, entlang der man nach Tarasp gelangt. Das ist eine tolle Tour, zu machen in rund fünf bis sechs Stunden.

Nach der Pensionierung hätten Sie auch wieder mehr Zeit, Ihre alte  Heimat, den Kanton Aargau, zu besuchen. Vermissen Sie den manchmal?

Nein. Dafür bin ich schon zu lange weg. Für meine Prise Aargau muss ich aber gar nicht so weit reisen. Wir haben im Nationalpark-Team eine kleine Aargauer-Kolonie. Ich bin halt ein totaler Bergfreund. Der Lindenberg im Freiamt war mein erster Berg. Inzwischen richte ich mich aber an doch etwas markanteren Erhebungen aus.