«Ich hätte da noch ein paar Fragen», so beginnt ein Mail, das kurz nach der Veröffentlichung eines Kommentars zum Verhältnis Schweiz - EU («Erpresserische EU – harte Realität») in den Posteingang flattert. Absender: Chris von Rohr, Kopf der legendären Schweizer Hard-Rock-Band Krokus, Kolumnenschreiber, Buchautor und selbsterklärter Freiheitskämpfer. Mit der Stossrichtung des Artikels, dass die Schweiz in Bedrängnis gerate, wenn sie beim Rahmenabkommen nicht bald vorwärtsmache, ist er überhaupt nicht einverstanden. Ob man denn in Brüssel in irgendeiner Art in Bringschuld stehe oder als Bittsteller auftreten müsse, will von Rohr wissen.

In der Folge kommts zum sportlichen Meinungsaustausch, der in der Verabredung zu einem persönlichen Gespräch gipfelt. Immerhin kommen wir aus demselben Kanton und der Heimaturlaub vom Korrespondenten-Alltag in Brüssel steht bald an. So sitzen wir schliesslich an einem viel zu heissen Nachmittag im August im Garten von von Rohrs Jugendstil-Villa und diskutieren bei einem Glas Minzen-Wasser über Juncker, Gott und die Welt.

Nach virtuellem Start führen Remo Hess und Chris von Rohr ihr Gespräch in Solothurn fort.

Lieber Herr von Rohr …

(unterbricht) Bitte Chris! Im Rock’n’- Roll sind wir alle per Du!

Lieber Chris also. Was hat Dich an meinem Kommentar und dem dazugehörigen Artikel so gestört, dass Du mir ein Mahn-Mail nach Brüssel geschickt hast?

Das kannst Du ziemlich genau am Satz «Die Schweiz steht im Regen» festmachen. Hallo? Als ich das gelesen habe, ist mir fast der Zmorge-Apfel im Hals stecken geblieben. Um das zu schreiben, muss Dich der Brüsseler Nebel schon ordentlich umhüllt haben. Die Schweiz steht nicht im Regen, sondern in der Sonne! Das ist dieses typische Schweiz-Kleingemache. Und dann der Hype auf Mr. Juncker, dass er im Handelsstreit dem US-Präsidenten Trump irgendetwas abgerungen habe. Juncker hat den USA überhaupt nichts abgerungen, was der nicht schon vorher raustwitterte. Der taumelnde Luxemburger hat der EU leider nicht viel Gutes gebracht.

Okay. Fangen wir bei der Schweiz an. Das Rahmenabkommen soll für stabile Verhältnisse mit der EU sorgen. Der Bundesrat will es. Auch die Wirtschaft ist dafür. Nur müsste sich die Schweiz halt etwas bewegen.

Schon klar. Die EU muckst und unser Bundesrat zuckt und verfällt wieder mal in Panik. Die Wirtschaft und Economiesuisse, wo über 50 Prozent ausländische Manager und harte Lobbyisten am Werke sind, forcieren vor allem aus Eigeninteressen. Aber der Stimmbürger ist kritischer. Wieso? Weil es unser wichtigstes Gut, die direktdemokratische Souveränität, verletzt. Zentralismus ist der Feind der Freiheit und der Selbstbestimmung. Um die Bilateralen zu zittern ist auch aberwitzig, sie sind zum beiderseitigen Vorteil, inklusive eines Handelsüberschusses zugunsten der EU. Die Schweiz sollte sich Charles de Gaulle zu Herzen nehmen, der sagte, manchmal ist nichts machen, stillhalten, die beste Option.

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Du lehnst das Rahmenabkommen also von vornherein ab, ohne zu wissen, was genau drinstehen wird?

Wir wissen genug. Gewisse Vereinbarungen mögen durchaus Sinn machen, aber was bringt es, wenn bei Streitfällen und Uneinigkeit nur eine Seite das letzte Wort hat? Europäisches Recht dem Schweizer Recht vorzuziehen ist ein absolutes No-Go. Das hervorragende Schweizer Recht schützt auch die Arbeitnehmer besser als das europäische. Und das Gerede von einem Schiedsgericht ist nur Augenwischerei.

Was meinst Du mit «Augenwischerei»? Bitte genauer!

Nur kleines Beispiel: Das Glühbirnenverbot. Da wurden auch uns Sparlampen verordnet, bei denen sich herausstellte, dass sie erstens den Energieverbrauch steigerten und zweitens wegen des Quecksilbers lebensgefährlich sind. Der Punkt ist: Es würden noch ganz andere Gesetze kommen, geht es um den Verkehr, den Arbeitsmarkt, den Datenschutz, die Energie, die Umwelt und vielleicht sogar die Steuern. Wir geben das Heft aus der Hand, machen uns erpressbar. Und wenn wir nicht spuren, gibt es sogenannte «Ausgleichsmassnahmen», was auf Klardeutsch Sanktionen bedeutet. Und das von einem schlecht geführten Länderverbund, einem Wasserkopf an Verwaltung, der immer mehr Probleme hat und sich partout nicht reformieren will. Nur Lebensmüde wollen so was, und viele Medien helfen ihnen noch dabei.

Dass die Medien nicht neutral seien, ist eine Hauptkritik von Dir. Ich sehe mich jedoch bei meiner Arbeit weder als Anwalt der Schweiz noch als Pressesprecher der EU-Kommission. Die Tatsache, dass Du mich als EU-Turbo bezeichnest und ich zugleich in Brüssel zu den Euroskeptikern gezählt werde, beweist doch, dass die Balance einigermassen stimmt.

Das glaube ich Dir! Doch in Brüssel sind auch sanfte Kritiker unwillkommene Ameisen am Picknick. Aber schau: Warum sind die Medien angeschlagen? Weil sie häufig nicht sagen, wie es wirklich ist, sondern wie sie es gerne hätten. Zum Beispiel bei Trump oder dem Brexit. Wie haben sich da alle getäuscht bei der Vorhersage des Wahlausgangs? Und mit welcher Selbstherrlichkeit haben sie nachher all die Menschen, Mitstimmbürger, die mit Ja gestimmt haben, abgeurteilt anstatt kritische, präzise Ursachenforschung zu betreiben? Da schäme ich mich. Es geht einfach nicht, dass wenn mal die «Falschen» gewinnen, diese so darzustellen, als seien sie irgendwelche Neandertaler, Füdlibürger, Rassisten oder Vollidioten. Erstaunt es da, dass die Leserschaft abwandert und es in den USA, Italien und anderen Ländern zu Nationalismus und Rechtsrutsch kommt? Alles hat immer einen Ursprung. Wohlsituierte Linke verteilen zwar noch Almosen, aber haben vergessen, dass die einfachen Arbeiter auch kulturell in ihrem Heimatverständnis verunsichert sind. Diese Ohnmacht als Staatsbürger, nichts mehr von Relevanz mitbestimmen zu können, ist fatal.

Deine weitgefasste Kritik an Politik, der «Elite» und der «political correctness» kommt mir bekannt vor. Bist Du ein Wutbürger?

(Lacht) Nein, eher ein Freiheitskämpfer, der Mühe hat mit gewissen Autoritäten, Monopolen, Gewalt, Kinderfeindlichkeit und Unehrlichkeit. Und hoffentlich kommt dir die Kritik bekannt vor. Sie wird erst dann aufhören, wenn sich endlich was ändert. Das Problem vieler Politiker und Wirtschaftsführer ist, dass sie sich benehmen wie abgehobene Stars, die keine Verantwortung mehr für nichts übernehmen. Dazu die neuen Gesinnungswächter, Moralapostel und Wortpolizisten. Empörungsinszenierungen ersetzen jeden gesunden Menschenverstand. Ich plädiere vehement für Freiheit, Selbstbestimmung und Transparenz. Alles dem Wachstum und Profit unterzuordnen, ist der falsche Weg. Wir haben zu viele Experten und zu wenig Weise. Wirkliche Probleme werden nicht gelöst, sondern elegant verschoben oder schöngeredet. Regieren heisst aber voraussehen.

Du siehst doch Probleme, wo gar keine sind! Es geht uns doch prächtig hier in der Schweiz.

Aus genau diesem Grund mach ich mir Sorgen. Zu viel Erfolg ist gefährlich, im Rock ’n’ Roll wie in der Politik. Ich kann darüber reden, weil ich es selbst erlebt habe. Und deshalb warne ich von einer Selbstverständlichkeit und Überheblichkeit in dieser ganzen Wohlstands-Narkose. Die Geschichte lehrt uns: es geht nie endlos nur bergauf. Ich sehe Anzeichen für sich anbahnende Grosskrisen. Zum Beispiel die ganze Schuldenpolitik. Jeder Ökonom sagt Dir, dass diese Nullzinspolitik und uferlose Gelddruckerei brandgefährlich sind. Dazu kommen zunehmend Korruption, Filz, Vetternwirtschaft und eine explodierende Staatsquote. Dann die Probleme mit den islamistischen Fanatikern, der Frauenunterdrückung, der ungeregelten Migration, der Armut, den Kriegen, der zunehmenden Gewalt, und im Background über allem schwebt die Klimafrage. Es ist zu vieles aus der Balance geraten. Da kannst Du nicht sagen: «Judihui – no trouble in paradise».

Was müsst denn Deiner Meinung nach geschehen, um den «Trouble» abzuwenden?

Es müsste in der westlichen Welt eine drastische Reduktion, eine Zurück-zu-den-Wurzeln-Bewegung im Sinne einer Gegenkultur geben. Aber wie vor 50 Jahren wird es nicht reichen, auf die Barrikaden zu gehen. Es braucht eine innere Umkehr. Vieles beginnt bei den Kindern, der Zukunft unserer Gesellschaft. Leider sind viele Eltern überlastet und überfordert. Den Müttern und Vätern wird kaum Schnauf gelassen. Und es ist ein Armutszeugnis, dass unser reiches Land es nicht mal schafft, wie in den nordischen Ländern eine Schulvielfalt zu installieren. Nur die Privilegierten können sich Alternativschulen leisten. Für alles Mögliche wird Geld gesprochen, und ausgerechnet da nicht. Es braucht schnellstens ein neues Lernen und ein neues Bildungssystem, das den Anforderungen dieses Jahrhunderts gerechter wird! Ich empfehle zur Vertiefung hier Richard David Prechts Denkanstösse.

Und was sonst noch?

Was es sicher zu stützen gilt, ist das, was die Schweiz gross gemacht hat: Das Milizsystem, dass hier der Bürger das letzte Wort hat. Dafür werden wir in der ganzen Welt bewundert. Und das hat auch nichts mit Abschottung zu tun. Die Politik an sich hat selten was zum Besseren verändert. Das muss der Mensch schon selbst in die Hand nehmen. Schon Kennedy sagte: Schau, was du für dein Land und die Freiheit tun kannst! Für den Luxus der Unabhängigkeit muss man immer wieder kämpfen, den gibts nicht einfach geschenkt. Schon die Unabhängigkeit der Gemeinden ist in Gefahr – immer mehr wird zentral entschieden. Also: sich vielseitig schlau machen, abstimmen gehen, jeder kann etwas dazu beitragen: ich versuche es mit meinen Kolumnen und Büchern.

Würdest Du sagen, dass Du ein Patriot bist?

Nein, ich mag dieses Wort nicht besonders. Ich bin ein Weltbürger mit Schweizer Wurzeln. Mein Herz schlägt für Mensch und Tier und ich missbillige Ungerechtigkeit. Alle wollen letztendlich doch dasselbe: Frieden, Wohlstand und eine gute Zukunft für ihre Kinder. Das heisst aber nicht, dass ich nicht ehre, was unsere Vorfahren geleistet und erreicht haben. Ich bin auch Europafan – die Vielfalt, der Austausch, seine Geschichte und Schönheit. Genau deshalb bin ich so kritisch mit dieser oft bürgerfeindlichen EU-Führung.

Was siehst Du als die grösste Herausforderung in der nahen Zukunft?

Durch die Digitalisierung wird es einen radikalen Umbau geben, ähnlich wie damals im 18. und 19. Jahrhundert, als die Maschinen kamen. Viele Jobs werden verschwinden, neue kommen. Angst habe ich keine, aber Respekt. Und eines sollten wir nie vergessen: trotz all dem technischen Fortschritt inklusive Raumfahrt ist der Mensch immer noch ein kriegerisches, gefährliches Tier. Einfach ein keulenschwingender Höhlenbewohner mit Flatscreen. Ein Wesen, das in seiner Aggression und Gier viel Leid und Zerstörung über andere bringen kann. Unsere Spezies hat sich in seiner Grundanlage wenig weiterentwickelt. Natürlich glaube auch ich an das Gute, an Liebe und Mitgefühl, aber ohne bittere Alltagsrealitäten auszublenden oder schönzufärben. Zum Glück finde ich in der Musik Kraft und Trost. Sie ist die beste Medizin gegen diesen ganzen Weltenwahn.

Neben Deinen Gedanken zum Weltgeschehen machst Du ja in erster Linie Musik. Um Krokus ist es im Jahr 2018 etwas ruhiger geworden.

2018 ist bewusst ein Ruhejahr. Man muss ein Vakuum schaffen, damit es wieder Platz und Hunger gibt. Nur so viel: Krokus bereiten sich auf 2019 vor. Es wird ein grosses Jahr für uns werden. Daneben schreibe ich weiter meine Kolumnen und bin an meinen Memoiren. Dazu habe ich noch eine Tochter. Es gibt also viel zu tun.

Du bist jetzt 66 Jahre alt. Gemäss Udo Jürgens fängt dann das Leben an. Wie siehst Du das?

Ich habe darüber mit Udo diskutiert und nachgedacht. Also für mich hat das Leben schon lange vor 66 angefangen. Der Vorteil vom Alter: du kennst die Menschen und all ihre Tricks. Ich halts eher mit Keith Richards: Niemand will alt werden, aber jung sterben will auch keiner. Ich arbeite daran (lacht).

Was macht eigentlich Chris von Rohr, wenn es draussen 36 Grad heisst ist? Hüpfst Du auch in die Aare?

Zum Abkühlen habe ich eine Gartendusche oder unser Probelokal. Ein guter Sommer ist aber ein Geschenk. Es ist nirgendwo schöner als hier. Die Wiesen, die Düfte, die Blumen, die Beeren, die lauen Abendwinde und die Menschen werden lockerer und freudiger.

Chris, ich danke für das Gespräch.

Gerne! Meinungsvielfalt ist wichtig und ein gesunder Restzweifel auch. Ich wünsche dir kreative Tage in Brüssel und sag ihnen: Immer schön locker bleiben Amigos – und wer hat’s erfunden?