Die positive Erkenntnis für Trainer Patrick Rahmen nach der 1:2-Heimniederlage gegen ein äusserst bescheidenes Chiasso ist: «Wir haben uns nicht abschlachten lassen.» Mehr nicht. Mehr gibt’s auch nicht zu sagen. Vor nur 2192 Zuschauern (im sportlich bedeutungslosen Frühling 2018 kamen nur einmal weniger) hat der FC Aarau eindrücklich demonstriert, was er ist: die aktuell schlechteste Profimannschaft der Schweiz. Mit null Punkten nach fünf Spielen Abstiegskandidat Nummer 1 in der Challenge League.

Jeder bekommt, was er verdient. Die Entwicklung des FC Aarau ist die Folge der jahrelangen Pflästerlipolitik im Brügglifeld. Seit dem erstmaligen Abstieg aus der Super League 2010 ist der Klub stehen geblieben. Während sich in den vergangenen Jahren die Konkurrenz stetig professionalisiert, der Moderne und den wachsenden Anforderungen angepasst hat, ist im Brügglifeld alles noch so wie vor zehn Jahren. Zwischenzeitlich gelang dank dem einzigen Glücksgriff in der Trainerwahl (René Weiler) die Rückkehr in die höchste Spielklasse, doch statt die Euphorie zu nutzen und erwachsen zu werden, ruhte sich die Führung auf dem kurzfristigen Erfolg aus. Entlarvend sind die Aussagen aus der Teppichetage, wenn man nach Auswegen aus der Abwärtsspirale fragt: «Früher hat es ja funktioniert.»

FC Aarau – Chiasso, Interviews mit Olivier Jäckle sowie mit Cheftrainer Patrick Rahmen:

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Das neuste Kader wurde mit einem Rekordbudget in der Challenge-League- Geschichte des Vereins gebaut. Patrick Rahmen ist der sechste Cheftrainer seit dem Abstieg 2015, zehn Spieler wurden verpflichtet. Gegen aussen sah das gut aus. Doch kaum begann der Ernst des Lebens, kaum wurden aus Freundschaftskicks Pflichtspiele, entpuppte sich jedes Gramm Leistungsdruck als zentnerschwere Last. Die Mannschaft, ein Produkt monatelanger Planung von Sportchef und Trainer, agiert wie ein führungsloser Hühnerhaufen, der sich die faulen Eier selber ins Nest legt. Zudem erweist sie sich als charakterlich schwach: Der verletzte Patrick Rossini sorgt für Tumulte in der Badi. Mickael Almeida erscheint vor dem kapitalen Chiasso-Spiel zu spät zum Mittagessen. Varol Tasar ist mit dem Kopf beim interessierten FC Lugano, statt alles für den FC Aarau zu geben, solange dieser ihm den Lohn zahlt.

Krisenmanagement, das die Bezeichnung verdient

Jeder Autoliebhaber weiss: Wer seinen Oldtimer Jahr für Jahr immer nur lackiert, statt den Rost aktiv zu bekämpfen und regelmässig den Motor zu warten – irgendwann tut der Wagen keinen Wank mehr. Auch wenn er gerade in der Waschanlage war und äusserlich glänzt wie seit Jahren nicht mehr. Ein aktuelles Beispiel, der die tiefliegenden Mängel schonungslos aufdeckt: Statt nach der erneuten Fanrandale vor einer Woche die Vorfälle zu verurteilen, verzichtete der Verwaltungsrat auf eine Stellungnahme. Begründung: «Wenn wir gegen Chiasso gewinnen, ist alles wieder gut und vergessen.» Wer so denkt, verkennt den Ernst der Lage. Statt der Realität ins Auge zu sehen und die wirklichen Probleme anzupacken, fabuliert die Führungscrew inklusive Sportchef und Trainer munter vom Langzeitziel «Super-League-Rückkehr».

Die nächsten Monate bis zur Volksabstimmung über das Stadion- und Hochhausprojekt sind wegweisend für die Zukunft des FC Aarau. Gleichzeitig sind die nächsten Monate die letzten der «Ära Alfred Schmid». Eine fatale Kombination. Der Verwaltungsrat ist amtsmüde, zermürbt vom jahrelangen Warten auf das neue Stadion. Er hat noch ein Ziel: den Verein im nächsten Sommer schuldenfrei an geeignete Nachfolger zu übergeben. Zweifellos ein wichtiges Ziel. Doch aktuell braucht der FC Aarau eine Führung, die mit Pauken und Trompeten in ihr letztes Gefecht zieht. Seit dem Nullpunkt des Stadion-Countdowns, der Gründung von «meinstadion.ch» vor knapp einem Jahr, schaut der Klub scheinbar tatenlos zu. Die Ausnahmen sind kleinere Sammelaktionen, grösstenteils initiiert von den vielen Ehrenämtlern im Brügglifeld.

Am kommenden Wochenende spielt der FC Aarau in Rapperswil-Jona. Das Resultat ist zweitrangig. Wichtig ist, was danach in der Länderspielpause passiert. Klar ist: Es muss knallen. Die Führung muss aus dem Schneckenhaus kriechen und erklären, wie der FC Aarau wieder in Fahrt kommen soll. Aussitzen geht jetzt nicht mehr. Es braucht ein Krisenmanagement, das die Bezeichnung verdient: Im stillen Kämmerlein müssen Präsident Alfred Schmid, Vizepräsident Roger Geissberger und Sportchef Sandro Burki die Realität schonungslos analysieren und dann Massnahmen zum Wohl des FC Aarau beschliessen. Es müssen auch Köpfe rollen. Denkbare Szenarien sind: a) Der ermüdete Verwaltungsrat macht per sofort den Platz frei für frische, dynamische Kräfte. b) Spieler, die mit dem Druck nicht klarkommen und die sich liederlich verhalten, werden aussortiert. c) Einer oder beide des Duos Sandro Burki/Patrick Rahmen geht – ob freiwillig oder nicht.