Er ist beim GP von Deutschland am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt. «Dieses Rennen spiegelt meine Saison», sagt Tom Lüthi selbstkritisch. Er fuhr lange Zeit unter den ersten 15 (was ihm die ersten WM-Punkte eingetragen hätte).Aber es reichte bloss hinter Stefan Bradl (16.) zu Rang 17. «Am Schluss waren die Reifen ruiniert. Wir bekommen die Elektronik einfach nicht in Griff und schaffen es nicht, die Maschine abzustimmen.» Stefan Bradl, 2011 Moto2-Weltmeister, später MotoGP-Werkspilot, ist durch ein miserables Karriere- Management zum Operetten-Rennfahrer und Honda-Testpiloten verkommen, der nicht einmal mehr für die Superbike-WM gut genug ist. Weil Tom Lüthis Teamkollege Franco Morbidelli aber auf dem Sachsenring nicht fahren konnte (Handverletzung), ist Bradl als Ersatz geholt worden.

Daniel Epp bestreitet nicht, dass sein Schützling in der schwersten Krise steckt. «Er ist völlig von der Rolle», sagt er. Und kündigt Massnahmen an. «Wir müssen vieles hinterfragen und werden künftig das gesamte Training neu strukturieren.»

Schweizer verdienen zu viel

Während Lüthis Karriere-Fortsetzung trotz allem nicht gefährdet ist, weiss Moto2-Pilot Dominique Aegerter (27) nach wie vor nicht, wie es 2019 weitergeht. 2014 war er Sieger auf dem Sachsenring, gestern kam er bloss auf Platz 14. Fred Corminbœuf hatte ihn bis 2016 in seinem Team. Heute setzt der Freiburger den Briten Sam Lowes und den Spanier Iker Lecuona mit mässigem Erfolg in der Moto2-WM ein. Er sagt, inzwischen sei ihm im Umgang mit ausländischen Fahrern ein Licht aufgegangen. «Kein Wunder, geriet ich mit Schweizer Piloten in die roten Zahlen. Die verdienen einfach viel zu viel. Es ist geradezu unverschämt, mit welchen Forderungen beispielsweise Daniel Epp die Teamchefs konfrontiert», sagt der Teamchef.

Der umtriebige Corminbœf schuldet Tom Lüthi aus der letzten Saison nach wie vor einen sechsstelligen Betrag und hat am Samstag einen neuen Modus für die Ratenzahlungen ausgehandelt. Die Sache ärgert Tom Lüthi sehr. Daniel Epp sagt: «Er muss lernen, solche Dinge auszublenden. Auch das gehört zu den Punkten, die wir künftig verbessern müssen.»

Der Boden der Wirklichkeit

Weniger als eine halbe Million pro Saison haben die beiden Schweizer in der Moto2-WM (seit 2010) nie verdient. Fred Corminbœf unkt: «Ich denke, nun landen die beiden auf dem harten Boden der Wirklichkeit.» Er könne sich zwar durchaus vorstellen, wieder mit Dominique Aegerter zu arbeiten. «Aber zu ganz anderen finanziellen Konditionen, als er sich gewohnt ist.» Tatsächlich wird der Rohrbacher seine Karriere nur zu finanziell bescheideneren Konditionen fortsetzen können. In seinen besten Jahren (2013 bis 2015) verdiente er rund 700 000 Franken im Jahr. Nun wird er froh sein, wenn es überhaupt noch für eine sechsstellige Summe reicht.

Besser sieht es für Tom Lüthi aus. Die besten Teams ködern ihn für die Moto2-WM 2019. Er hat nach wie vor die Klasse und die Erfahrung zum Titelanwärter in der zweitwichtigsten WM. Inzwischen hat MV Agusta eine 300 000-Euro-Offerte, die Daniel Epp bereits abgelehnt hat, ordentlich nachgebessert. Vergeblich. Epp sagt: «Kein Interesse. Wir haben bessere Angebote.» Wenn der Töff nicht richtig fährt, rollt wenigstens der Rubel.