Es wird gebaut, Strassen werden aufgerissen, Schienen verlegt. Ob in Basel oder Zürich, ob an der «Gärbergass» oder beim «Cäntral»: Ein Gang durch die Altstadt ist derzeit trotz dem Ausverkauf kein Vergnügen. Der Umbau ist symptomatisch für die Lage, in der sich die Innenstädte befinden: Heute locken Online-Angebote, die von sogenannten Influencern auf Youtube beworben werden. Wegen angesagter Kleider wird auch mal ein Easyjet-Flug nach Paris oder London gebucht. Nur Grossketten wie Zara oder H&M können hier noch mithalten.

Wer einen Blick hinter die Postschalter wirft und sieht, wie sich Zalando-Kartons stapeln, dem wird auch klar, die Schweiz ist vom Online-Kaufrausch erfasst. Beratung, lange das wichtigste Argument für die stationären Läden, um sich von den Online-Händlern abzuheben, gibt es immer mehr auch im Internet. «So richtig schlimm geworden ist es ab dem 15. Januar 2015», sagt Ralph Bleuer. Damals hat die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs des Schweizer Frankens zum Euro aufgehoben. Die Kunden fuhren noch öfter als zuvor nach Deutschland, um ihre Einkäufe zu erledigen. Die Geschäfte in der Innenstadt lassen sie seither öfter links liegen. Bleuer leitet in St. Gallen das Papeteriegeschäft Markwalder an der Kornhausstrasse und ist Präsident von Pro City St. Gallen, dem Verband der Detailhändler der Innenstadt. Das Geschäft, das auch ganze Büroeinrichtungen plant, existiert seit 1898.

Gewaltiger Strukturwandel

Milan Prenosil, Verwaltungsratspräsident der Zürcher Confiserie Sprüngli und Präsident der City Vereinigung Zürich, sieht es gleich, wie sein St. Galler Kollege: «Im Schweizer Detailhandel findet ein gewaltiger Strukturwandel statt. Es ist ein regelrechter Aderlass im Gange.» Durch den Druck des starken Frankens und des Online-Handels seien die Preise auf das Niveau der Neunzigerjahre zusammengefallen. Die Folgen sind überdeutlich: Nicht nur Traditionsbetriebe, sondern auch Kleiderketten wie Companys schliessen die Tore. Grosse Ladenketten wie Media Markt setzen auf kleinere Läden. Warenhäuser wie zuletzt Schild werden ganz geschluckt.

Ein Streifzug durch die Gastromeile der Mall of Switzerland

Die Bauarbeiten am zweitgrössten Einkaufszentrum der Schweiz laufen auf Hochtouren. Auf 65'000 Quadratmeter sind über 150 Geschäfte und Gastrobetriebe sowie Wohnungen, Kinos und Sportanlagen geplant. (Urs Flüeler / SDA, 29.03.2017)

Den Wandel spüren fast alle grösseren Schweizer Städte. Am dramatischsten ist die Situation in Basel mit der Nähe zur Grenze. «Bei uns begann wegen der Währungssituation der Wandel viel früher. Ich gehe davon aus, dass wir im Vergleich zu anderen Städten – nicht nur in der Schweiz – dadurch für die Zukunft besser gewappnet sind», sagt Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt Basel. Derzeit werden die Gleise entlang der Mittleren Rheinbrücke und der Greifengasse ersetzt und die Gestaltung angepasst. Das Ziel ist es, das Gebiet mit mehr Platz zum Flanieren attraktiver zu gestalten. Für Böhm ist das der richtige Weg: «Investitionen in eine zeitgemässe Infrastruktur sind entscheidend, um die Attraktivität der Stadt mit ihrer Zentrumsfunktion zu erhalten.»

Überkapazitäten

Detailhandels-Experte Thomas Hochreutener vom Marktforschungsunternehmen GfK warnt seit Jahren vor diesem Wandel. Doch viele Läden hätten ganz einfach die Zeichen der Zeit nicht gesehen, kritisiert er. «Wir haben immer gesagt, dass es keine neuen Verkaufsflächen mehr braucht. Doch bis 2014 wurde immer noch massiv ausgebaut. Es wurde eine Filiale nach der anderen eröffnet, statt über neue Konzepte nachzudenken.» Heute leide man an genau diesen Überkapazitäten. Die Kunden verlangen nicht noch mehr vom Gleichen, sondern neue Angebote, kontinuierliche Innovationen. Diese stetige Erneuerung eines Geschäfts koste jedoch Geld: «Früher wurden alle 10 Jahre die Läden erneuert. Heute geht das viel rascher. Das hat Folgen für die Abschreibung der Investitionen. Das kann sich nicht jeder leisten.»

Sorgenkinder der Branche sind die Warenhäuser, die auch in den vergangenen Jahren massiv an Umsatz eingebüsst haben, wie die jüngsten Untersuchungen von GfK zeigen. Allen voran die drei grössten Ketten. Neben Manor (die jedoch im vergangenen Jahr keine Zahlen publizierte) und Coop City ist das die Globus-Gruppe, die zum Migros-Konzern gehört. Warenhäuser, lange die Zugpferde der Innenstädte, können ihre Funktion im Gefüge kaum mehr aufrechterhalten. Der Einbruch hat seinen Grund: Sie boten lange genau das an, was online gefragt ist: Kleider oder Multimedia-Artikel. Eine GfK-Umfrage von Anfang Juni im Auftrag der IG Manor Bahnhofstrasse zeigt am Beispiel Zürichs, wie wichtig die Warenhäuser für die Innenstädte sind. Neben Globus ist Manor das Geschäft, das für die meisten Befragten in Zürich ausschlaggebend ist bei der Wahl der Bahnhofstrasse als Einkaufsort.

Überall und jederzeit einkaufen

Willkommen in der neuen Welt des Konsums. «Konsumenten haben die Vorzüge des mobilen Online-Handels erkannt. Doch auch die Online-Angebote sind immer besser geworden. Man kann mobile überall und jederzeit einkaufen», sagt Marta Kwiatkowski Schenk, Trendforscherin am GDI. Die Verführung geschieht rund um die Uhr, das Sortiment ist praktisch unbegrenzt und die Produkte sind immer irgendwo verfügbar, zustellbar und vergleichbar. Die Ansprüche der Kunden hätten sich dramatisch geändert, konstatiert die Trendforscherin. In den Innenstädten findet deshalb nicht nur ein Wegsterben von alteingesessenen Fachgeschäften statt, sondern es entsteht auch viel Neues. Die neuen Bedürfnisse werden jedoch eher von neuen Ladenkonzepten erfüllt, die in einst verschmähten Stadtquartieren entstehen. Das Einkaufen steht bei diesen Angeboten nicht im Vordergrund. Es geht um das Erlebnis. Um die Glace-Kreationen der «Gelateria die Berna» in Zürich zu kosten, steht der Hipster auch gut und gerne eine Stunde an.

Der Umbau des Schweizer Detailhandels passiert in Siebenmeilenstiefeln. Dies lässt sich anhand der Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK sowie des Immobilienspezialisten Wüest Partner festmachen. Zwischen 2010 und 2015 sind die Umsätze pro Quadratmeter Verkaufsfläche um über 20 Prozent gesunken. Und dies genau in den kritischen Bereichen, in denen das Internet als Verkaufskanal besonders stark ist. Im Foodbereich dagegen sind die Verluste vergleichsweise moderat.

Zweitgrösstes Shopping Center

Eine Auswertung der neusten Zahlen von Wüest Partner für die «Nordwestschweiz» zeigt, dass in den meisten Regionen die Mietpreise auch in diesem Jahr unter Druck sind. «Generell können wir aufgrund unserer Daten keine Entwarnung für die Innenstädte geben», sagt Robert Weinert, der bei Wüest Partner für das Immo-Monitoring zuständig ist. Um die Altstadtlagen zu verbessern, seien verschiedene Ansätze denkbar. Von der Neugestaltung der Fussgängerzonen, Verbesserungen bei Parkiermöglichkeiten über die sanfte Renovierung des historischen Kerns. Damit die Kunden wieder in die Städte gelockt werden, empfiehlt Weinert zudem, dass sogenannte «Magnetmieter» angezogen werden.

Noch steht dem Schweizer Detailhandel ein weiterer Test bevor. Die Eröffnung der «Mall of Switzerland» im Luzernischen Ebikon. Sie lässt schon heute die Detailhändler in der Stadt Luzern zittern, entsteht doch hier mit 150 Läden, Indoor-Surf-Anlage, Fitness-Center, Multiplex-Kino sowie der grössten Kinderspielwelt das zweitgrösste Shopping Center der Schweiz. Die Investoren aus Abu Dhabi haben 450 Millionen Franken dafür eingeschossen. Heinz Bossert, Präsident des Luzerner Detaillistenverbands, mag sich gegenüber dieser Zeitung nicht über die Stimmung im Gewerbe äussern. Sicher ist: Vergnügungsmöglichkeiten wie Kinos sollen offenbar hier die Kunden anziehen. Diese Angst spürt man auch in Bern, seitdem der Kinobetreiber Kitag angekündigt hat, grosse Kinos in der Innenstadt zu schliessen und in der Peripherie zu eröffnen.

Trotz der Misere: An sehr guten Lagen in den Innenstädten gibt es immer noch viele Anfragen von internationalen Mietinteressenten, sind die Experten überzeugt. Auch wenn es nicht mehr ganz so viele sind wie noch vor ein paar Jahren. Hier unterscheidet sich Basel stark von Zürich: «Die Mietzinse an der Bahnhofstrasse in Zürich sind zwar etwas unter Druck, vor allem aber in Basel sind sie durch die Grenznähe stark rückläufig», sagt Gabriela Brandenberg, Head Retail Services bei SPG Intercity, die Ladenflächen in den grössten Schweizer Städten an hauptsächlich internationale Kunden vermittelt. Es werde heute länger und härter verhandelt. Die Zahlen von Wüest Partner geben ihr recht: Während in Zürich zwischen 2012 und 2016 die Spitzenmieten für Verkaufsflächen gestiegen sind, sind diese während der gleichen Zeitperiode in Basel und Bern eingebrochen. Erst 2017 findet ein umgekehrter Trend statt.